Das Licht anmachen

Rezension von Daniel-Pascal Zorn: Einführung in die Philosophie, Verlag Vittorio Klostermann: Frankfurt am Main 2018

Von einer Einführung in die Philosophie kann auf vielerlei Weisen gesprochen werden. Bücher, die diesen Anspruch erheben, gibt es wie Sand am Meer, meist reihen sie »Denkschulen« aneinander, oder sie zeigen Epochen der Philosophie in ihren historischen Zusammenhängen. Da folgt dann schon einmal ein Ismus auf den anderen, etwa der Material-Ismus auf den (Deutschen) Ideal-Ismus, dieser auf den Rational-Ismus. Oder so ähnlich. Das kann durchaus gut gemacht sein, lehrreich und kultur- und geistesgeschichtlich interessant. Man kann aber auch ein Bild der Philosophie vermitteln, indem man Lebens- und Werkgeschichten bekannter, »klassischer« Philosophen schreibt. Nur: Ist man dann schon in die Philosophie eingeführt? Daniel-Pascal Zorn meldet bereits in der Einleitung seines hier anzuzeigenden Buches Zweifel an solchen Zugängen an, indem er schreibt, wer solcherart »in etwas einführen [möchte], das er schon auf eine bestimmte Weise vorausgesetzt hat [die Philosophie nämlich; MR], vertritt dabei selbst bereits eine philosophische Perspektive« (11). Also entweder man bietet der Leserin und dem Leser die eigene Perspektive an, oder man »praktiziert« Philosophie als Einführung. So ist auch eines der das Buch eröffnenden Kurzkapitel betitelt: »Philosophie als Einführung« (11f., Hervorhebung im Buch). Damit ist bereits angedeutet, was das Buch NICHT ist: Eine Einführung im Sinne einer Hinführung auf einen Gegenstand, auf ein ETWAS, dem man sich in Schritten nähert, das man (staunend?) beäugt, umkreist, zu verstehen sucht und letztlich merkt, dass der, der einen ein- bzw. hinführt, letztlich alleine lässt. Genau das tut Zorn nicht. Er übergibt dem Leser und der Leserin nicht seine Verantwortung als Philosoph und Autor dieses Buches, sondern er zeigt ihnen, dass sie diese Verantwortung je selbst schon haben: Sie können lesen, sprechen, schreiben. Genau so ist das Buch eingeteilt: Auf die Einleitung (7–17) folgen die drei Kapitel »Philosophische Lektüre« (19–64), »Philosophisches Gespräch« (65–104) und »Philosophisches Schreiben« (105–131). Zwei Seiten Nachwort runden das Werk ab, das einem beim Lesen, Sprechen, Schreiben hilft.

Die Philosophie ist kein Ding

Diese drei Kapitel sind in einzelne Unterkapitel gegliedert, die, oberflächlich betrachtet, unsystematisch zu sein scheinen. Einerseits sind sie nicht durchnummeriert, andererseits haben sie Titel, die man in einem Philosophiebuch nicht unbedingt erwarten würde: Etwa »Kung Fu« (62–64), »Sophisten und Trolle« (98–100) oder »Flexibel bleiben« (121–123). – Um auf den Schluss dieser Buchbesprechung vorauszuweisen: Es ist nicht nur die ausgetüftelte Struktur von Zorns »Einführung in die Philosophie«, die das Buch zu einem Lesevergnügen der Extraklasse macht. In Wortwahl, Satz- und Argumentationsstruktur merkt man, dass hier ein begnadeter Philosoph und Didaktiker am Werk ist, der offensichtlich beim Schreiben dieses Buches ziemlich viel Spaß hatte.

Der Hinweis auf die Struktur des Texts soll noch einen weiteren Aspekt eröffnen für den Grund, warum in diesem Buch die Philosophie eben nicht ein Gegenstand, ein Ding ist, auf das man in Schritten zugeht. Denn dadurch dass es sich explizit an alle richtet, die sich für Philosophie interessieren, sind die Kapitel unterschiedlich gewichtet. So können etwa Philosophinnen und Philosophen, die berufsbedingt im Lesen und Sprechen versiert sind, aus dem Schreiben-Kapitel einige Erkenntnisse ziehen, um ihr Schreiben zu verbessern. Weiters ist es denkbar, dass man sich in seinem professionellen Philosophieleben ungewollt Routinen im Schreiben und Sprechen (mit »Sprechen« ist hier immer das [philosophische] Gespräch gemeint) angewöhnt hat, die man vielleicht ablegen möchte. Dabei hilft dieses Buch. Nicht zuletzt gibt es die an Philosophie Interessierten, die nicht mit einem entsprechenden Studium oder einer darauf folgenden Karriere aufwarten können, die vielleicht vor der Lektüre philosophischer Texte zurückschrecken mögen. Das wohl deswegen längste Kapitel »Philosophische Lektüre« ist ein ausgesprochener Mutmacher: Trau dir zu, auch zum Einstieg etwas vermeintlich Schwieriges zu lesen! Für die an Philosophie Interessierten also ist dieses Buch ebenfalls geschrieben – wohl auch in erster Linie –, und sie – diese Behauptung sei gewagt – werden vielleicht am meisten von seiner Lektüre »profitieren«. Dies deswegen, weil sie wohl erkennen werden, dass auch sie imstande sind zu philosophieren, lustvoll selbst zu denken. Denn das ist dieses Buch: eine auffordernde Anleitung zum Selbstdenken.

Ein Gespräch ermöglichen

Medias in res: Es scheint zur Poetik Zorn’scher Texte zu gehören (vgl. hier die Rez. zu Logik für Demokraten und mit Rechten reden), dass das, worum es geht, in der Mitte des Texts steht. Zitat von Seite 68: »Philosophie geht es […] nicht nur um das gemeinsame Gespräch, sondern auch um die Ermöglichung eines solchen Gesprächs.« Das ist das poietische Zentrum des Buchs, der Kern, um den seine Argumente gebaut, um den sie angeordnet sind; wahrscheinlich auch das Zentrum des Denkens von Daniel-Pascal Zorn – nämlich dass es immer die Möglichkeit eines Gesprächs geben soll. Und es heißt weiter: »Dogmatiker und Sophisten, die anderen ihre eigenen Voraussetzungen aufzwingen wollen, streben danach, das Gespräch von vornherein zu ihren Gunsten auszurichten. Sie mogeln […]« (68)

Wer so verfährt, argumentiert – mal offen, mal versteckt – ad personam, unterscheidet – erste Unterscheidung – also nicht zwischen Person und Argument (79f.), weil er das Gespräch als Gladiatorenkampf missbraucht. Ein Beispiel: Ab und zu gab es (oder gibt es noch immer?) Fernseh-Dialoge mit Richard David Precht und einem beliebigen Gast, die als Gladiatorenkampf inszeniert waren (sind?) und den verfehlten Anspruch erhoben, philosophisch zu sein. Es waren Kämpfe, in denen der »Philosoph« mit der zugegeben gekonnt in Anschlag gebrachten hohen Redegeschwindigkeit seinen ihm an einem kleinen Tisch gegenübersitzenden Gast auf eine z. T. entwürdigende Weise in die Enge trieb, sozusagen versucht hat, ihn niederzureden. Das war Sport pur. Auf der Strecke blieb die Philosophie. Precht übrigens ist Germanist und nicht Philosoph.

Die zweite Unterscheidung, die Zorn aufzeigt, ist die zwischen »Haben und Gelten« (80–82). Wer in einem Gespräch Recht haben will, will sich nicht nur gegen den/die Andere/n durchsetzen, er will auch das Gespräch als Kampfsituation durchsetzen. Aber: »[…] diese Haltung beendet strenggenommen die Diskussion, bevor sie begonnen hat. Wenn unsere Meinung immer schon richtig ist, dann diskutieren wir nur noch, um herauszufinden, ob es jemand schafft, sie umzustoßen.« (81) In politicis (übrigens in Glaubensfragen ganz generell) ist das eine sehr gerne eingenommene Haltung: Ich HABE eine Meinung. Sie beruht auf Fakten. Deswegen ist sie selbst ein Faktum. Deswegen GILT sie. – Das ist falsch, und von dieser Art der Gesprächsführung distanziert sich Zorn auch unmissverständlich (z. B. in »Die soziale Situation und das Denken des Alltags«, 69–71), denn es ist vielmehr so: »Das Gleichsetzen des Habens einer Meinung mit dem Gelten dieser Meinung wiederholt all die Probleme, die auch in der ersten Gleichsetzung – der von stiller, persönlicher Meinung und öffentlich geäußerter Meinung – aufgetreten sind: Wer davon ausgeht, dass er von vornherein im Recht ist, für den liegen alle anderen falsch.« (81) Und weiter: »Die Gleichsetzung von Haben und Gelten führt immer in eine Entweder-Oder-Ordnung: ›Entweder Du stimmst mir zu (und liegst richtig), oder Du stimmst mir nicht zu (und liegst falsch).‹« (Ebd.)

Beim Lesen unterscheiden lernen

Darum geht es: Um das »kritisch in Frage stellen«. »kritisch«, altgriechisch »krinein« – »unterscheiden« hat eben noch nicht Zustimmung oder Ablehnung im Fokus. »in Frage stellen« = »in die Frage stellen« heißt eben nicht, etwas schon in dem Moment, in dem man es wahrnimmt, negativ zu beurteilen, sondern es heißt, dass man es befragt, es eben in seine Frage stellt und dann – womöglich gesprächsweise – untersucht. Genau das kann man Zorn zufolge bei der Lektüre von Texten der Philosophie lernen. Ob dieser Text »schwierig« ist oder nicht, ist dabei kein Kriterium. Noch vor allen von außen vorgebrachten qualitativen Zuschreibungen gilt: »das Kriterium ist der Text« (43).

Das steht im ersten Kapitel, das neben einer brillanten kritischen Analyse der grassierenden Ökonomisierung der Universitäten und des Wissenschaftsbetriebs auch dreizehn Tipps zur Lektüre philosophischer Texte gibt (33–44). Dass es gerade dreizehn Tipps sind, verweist darauf, dass Zorn offenbar seinen Walter Benjamin gelesen hat, man denke an dessen »Die Technik des Schriftstellers in dreizehn Thesen« (Einbahnstraße, 46–49, 1928/1955). Es ist klar – und der Autor zeigt, dass er sich dessen bewusst ist –, dass es viele Arten der Lektüre gibt. Doch da es sich bei philosophischen Texten (im doch recht häufig vorkommenden Idealfall) um argumentierende Texte handelt, erwähnt Zorn wenigstens drei Lektürehinsichten: die kontextgebundene (51–53), die systematische (54–56) und die textimmanente (56–60). Bis ins Detail zeigt der Autor in diesem ersten Kapitel, was er dann im zweiten entfaltet: dass es stets um den Dialog geht – hier um den Dialog Text und Leserin/Leser.

Ein Schreibe-Manual

Das dritte und letzte Kapitel nimmt in dieser Buchbesprechung einen besonderen Platz ein. Nicht deswegen, weil es im Buch einen besonderen Stellenwert hätte; dort ist ja alles fein austariert. Vielmehr, weil meines Erachtens allem, was drinsteht, zuzustimmen ist. So etwas passiert sehr selten. Hier bin ich Rezensent, aber ich bin auch Universitätslehrer, und als solcher habe ich als Philosoph jahrzehntelang u. a. auch Schreiben gelehrt und es genau so gemacht, wie Zorn es hier der Leserin und dem Leser nahelegt. Nochmal: Ich finde, alles, was in Zorns Kapitel »Philosophisches Schreiben« steht, stimmt: Was er über die Angst vorm leeren Blatt schreibt, seine Tipps fürs Exzerpieren (das Exzerpt werde »zu so etwas wie einem beschreibenden Kommentar« [117]) und vor allem das kurze Kapitel zum Thema »Was ist ein Problem?« (113–116), das der Autor mit diesen zwei Fragen vorbereitet: »Welche Fragen tauchen immer wieder auf? Und wie könnte man sie so beantworten, dass die Antwort überzeugen kann?« (ebd.) Damit zieht er das Kapitel über das philosophische Gespräch ins Schreiben rein, denn auch da geht es ums Überzeugen. Es sind also ausgesprochen lebensnahe und praxistaugliche Hinweise für das Schreiben, die mindestens 2000 Jahre alt sind, sich bewährt haben und so nebenbei auch einen Einblick in Zorn Praxis der Philosophie geben. Besonders gefallen haben mir folgende zwei Sätze (es geht um Schreibstrategien, womit fängt man an, womit hört man auf?), die ich pars pro toto herausgreifen möchte: »Die endgültige Form der Einleitung schreibt man zuletzt. Denn nur dann, wenn man schon weiß, was kommt, kann man den Leser dorthin an- und einleiten.« (128) Seit 1999 steht das ähnlich formuliert in den Skripten meiner Schreibseminare. Hach. Zorns Darlegungen zum Schreiben zeigen eines sehr deutlich: Theoretische Überlegungen zu diesem Thema folgen nicht dem naturwissenschaftlich-technischen Prinzip »erst die Theorie, die sich danach im Experiment bewähren muss«, sondern es ist anders: Schreiben ist gelebte Praxis, deren vielfältige Erfahrungen man im Nachhinein theoretisch zusammenfassen und zu adaptierbaren Ratschlägen ausarbeiten kann. Theorie NACH der Praxis. Wer sich denkt »ja, aber das ist doch ohndies klar« und dann deswegen glaubt, über das, was in Zorns Schreibekapitel steht, nicht nachdenken zu wollen, hat sich selbst eine Falle aufgestellt, in die er beim nächsten Mal reintappen wird.

Noch ein Hinweis: Das letzte Kapitel enthält auch das fünfstufige Produktionsstadienmodell der klassischen Rhetorik (123–129) – allerdings in einer erweiterten Form –, nebst Hinweisen auf die seit 2500 Jahren geltende und gleichfalls bewährte Dispositionenlehre. Wer das Buch bis hierher gelesen hat, wird feststellen, dass sein Autor wie erwähnt nicht nur außerordentlich gelehrt ist, sondern auch es auch vermag, in einfacher und zugänglicher Sprache die Sache der Philosophie lebenspraktisch darzustellen: nämlich Licht in die Sachen zu bringen. Das Buch ist ein freundliches Buch, ein aufklärerisches Buch, ganz im Sinne von Kants berühmtem Diktum, den Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Das betrifft alle, und Daniel-Pascal Zorn gibt mit seiner »Einführung in die Philosophie« allen ein Manual dafür in die Hand. Im Nachwort steht, worum es geht: »Die Welt reicher machen, als sie vorher war. Je mehr Mut, desto mehr Mut – je mehr Licht, desto mehr Licht. Und das Licht gewinnt.« (134)

Erneut: ein Buch der Aufklärung

Die Philosophie ist als ein Tun sie selbst, sie ist identisch mit ihrem Vollzug. Wenn man die in den drei Buchkapiteln erläuterten Vollzüge des Lesens, Sprechens, Schreibens in ihrer Zusammengehörigkeit erkennt, dann ergibt sich – wer hätte das gedacht ;-) – das Denken als eigentlicher Vollzug des Philosophierens. Auch wenn das selbstverständlich sein mag, so ist der Vollzug des Denkens dies: re-flektieren; mit Bindestrich. Re-flektieren heißt »rück-wenden«. Indem man sein Denken (also Lesen, Sprechen, Schreiben) rückwendet auf das, was einen gerade thematisch umtreibt, ist nicht nur ein Entfalten alles dessen, was das Thema ausmacht, ermöglicht, sondern auch ich als so Denkender werde mir eben darin meiner selbst und meines Tuns bewusst; die Selbst-Re-Flexion ist mit dabei. Das ist, recht besehen, der rote Faden, der sich durch dieses Buch zieht. Zugegeben, ich habe das erst bei der zweiten Lektüre bemerkt. Zunächst einmal habe ich das Buch wie einen Roman gelesen, es ist sehr spannend, nicht zuletzt deswegen, weil es in einem hervorragenden Stil geschrieben ist. Während der Erstlektüre stellte sich aber die Beobachtung ein, dass gewisse Passagen in verschiedenen Kapiteln in Zusammenhängen stehen, deren Bezüge und Rückwendungen man sich genauer anschauen sollte. Und so kam es zur Zweit-Lektüre: Ich habe es wie ein Philosophiebuch gelesen. Weswegen dann diese Rezension entstanden ist, die eigentlich nicht geplant war. Apropos Rezension: In einer solchen habe ich gelesen (sinngemäß), dass man Zorns Buch wegen seines Einführungscharakters nach dessen Lektüre übersteigt und hinter sich lassen werde. Quatsch. Es eignet sich zum Immer-wieder-Lesen, zum Damit-Arbeiten, zum Inspirationen-Holen, aber auch zum Trost und kann schon einfach deswegen nicht überstiegen/transzendiert werden, weil es so geerdet ist, das heißt anthropologische Konstanten wie eben Lesen, Sprechen, Schreiben – somit: die Sache der Philosophie aus ihrem Vollzug heraus verhandelt. Es ist hoch an der Zeit, die Philosophie nicht mehr bloß so schülerhaft als »Liebe zur Weisheit« zu verstehen, sondern anders als »Weisheit des Liebens«. Denn Liebe hat mit Philosophie eines gemein: Sie ist im Vollzug identisch mit sich selbst. Wer das erkennt, insoferne also weise ist, hat im selben Moment das Licht angemacht. – Summa summarum: eines der besten Bücher des Jahres 2018 und wohl auch über Jahre hinaus. Es ist ein aufklärerischer Text wie alles, was ich bisher von Daniel-Pascal Zorn gelesen habe. Es ist dieser Einführung in die Philosophie zu gönnen, dass sie ein Standardwerk wird; des Lichtes wegen.

Daniel-Pascal Zorn: Einführung in die Philosophie
Walter Benjamin: Einbahnstraße
Daniel-Pascal Zorns Blog »Die Kunst der Rechtfertigung«

Dieser Beitrag wurde unter Aufsätze und Feuilletons veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.