Als ob da nichts gewesen wäre

Über Michael Köhlmeiers Rede am Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus 2018

Am 4. Mai 2018 fand im österreichischen Parlament eine Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus statt. Traditioneller Anlass dafür sind das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung der Menschen aus dem Konzentrationslager Mauthausen/Oberösterreich 1945. Bei jener Veranstaltung war der bekannte Schriftsteller Michael Köhlmeier als Festredner geladen, und er hat eine Rede gehalten, die von den Regierungsparteien FPÖ und ÖVP hernach heftig kritisiert wurde (Stand: 6. Mai 2018, man kann das gugeln). Dieser Essay untersucht, ob die Kritik gerechtfertigt ist. So gilt es, sich zunächst die Rede anzuhören, bzw. ihren Text anzusehen und zu untersuchen. Da der Link zur Rede ein Ablaufdatum hat, wird hier eine selbst angefertigte Abschrift wiedergegeben. Die Nummerierung der Absätze (1–14) stammt nicht von Michael Köhlmeier, sie dient lediglich der besseren Verortung in der nachfolgenden Reflexion.

Die Rede

Zunächst sei darauf hingewiesen, dass Köhlmeier sich auf zwei Ereignisse bezieht, die kurz vor seiner Rede stattgefunden haben. Die »jungen Damen und Herren« (2, 12–14) sind Jugendliche, die vor Köhlmeiers Rede auf dieser Veranstaltung gesprochen haben, und »Präsident Sobotka« (1) ist der Präsident des Österreichischen Nationalrats Wolfgang Sobotka (ÖVP), der in seiner Rede sich dafür ausgesprochen hat, »die Dinge beim Namen zu nennen« (ebd.). Mit der Bezugnahme auf diese Aussage Sobotkas nimmt Köhlmeier nicht nur diesen, sondern auch das Publikum in die Pflicht. Soweit ersichtlich, hat auch die gesamte Bundesregierung, die 2018 von ÖVP und FPÖ gestellt wird, an dieser Veranstaltung zuhörend teilgenommen.

Köhlmeiers Rede – als Festrede formalrhetorisch dem genus grande zuzuordnen – zeigt mindestens zwei Besonderheiten: Sie arbeitet mit im besten Sinn des Wortes rhetorischen Fragen, und – wohl auf das Metier des Erzählers Köhlmeier zurückzuführen – sie gebraucht auffällig oft das Wort »und«. Weiters ist hervorzuheben, dass dort, wo in ihr Adjektive zum Einsatz kommen, diese nicht wertend, sondern beschreibend eingesetzt werden. Dann sei noch erwähnt, dass die Rede geradezu schulmäßig aufgebaut ist, comme il faut sozusagen, wenn man daran denkt, dass es um aufklärerisch-überzeugende Worte geht, die sich respektvoll (etwa 2, 14; »in die Augen schauen«) auf ein Ereignis von sowohl welthistorischer wie auch regionalhistorischer Bedeutung beziehen: auf den von den Nationalsozialisten begangenen Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass Köhlmeier in seiner Rede ungewöhnlich viele Pausen macht. Deswegen war es nicht einfach, eine Transskription zu erstellen, die dem Redeeindruck gerecht wird.

Folgt man der Dispositionenlehre der klassischen Rhetorik, ist die Rede wie eine ciceronianische vierteilige Gerichtsrede aufgebaut: exordium – narratio – argumentatio – peroratio.

1–2, exordium: In der Einleitung appelliert Köhlmeier an die Einbildungskraft des Publikums und des Redners.

3–7, narratio: Der Redner stellt rhetorische Fragen, sie sind ein Appell an an ihn selbst, der aus der Reflexion über sie die Gründe für die Gestaltung seiner Rede gewinnt.

8–12, argumentatio: Der Höhepunkt der Rede ist identisch mit dem Beginn der argumentatio (8): Köhlmeier erwähnt den Begriff der »Wahrheit« (Wahrheit als »Unverborgenheit«). Im Weiteren argumentiert er, dass Anti-Islamismus nicht mit Philosemitismus begründet werden kann.

13–14: peroratio: Der Redner lehnt das »Als ob« ab und plädiert für die Einbildungskraft, fürs Zuhören und fürs Miteinandersprechen.

Der Redetext (Transskription)

›(1) Sehr geehrte Damen und Herren, Präsident Sobotka hat mir Mut gemacht, als er gesagt hat, man muss die Dinge beim Namen nennen. Und bitte erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle. Nicht an so einem Tag und nicht bei so einer Zusammenkunft.

(2) Ich möchte nur eines: Den Ermordeten des NS-Regimes, von deren Leben die jungen Damen und Herren vorhin so unglaublich eindringlich berichtet haben, in die Augen sehen können, und sei es auch nur mit Hilfe Ihrer und mit Hilfe meiner Einbildungskraft.

(3) Und diese Menschen hör ich fragen: »Was wirst du zu jenen sagen, die hier sitzen und einer Partei angehören, von deren Mitgliedern immer wieder einige nahezu im Wochenrhythmus naziverharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen abgeben – entweder gleich in der krassen Öffentlichkeit oder klamm versteckt in den Foren und Sozialen Medien –, was wirst du zu denen sagen?«

(4) »Willst du so tun, als wüsstest du das alles nicht? Als wüsstest du nicht, was gemeint ist, wenn sie ihre Codes austauschen? Einmal von ›gewissen Kreisen an der Ostküste‹ sprechen, dann mit der Zahl ›88‹ spielen. Oder wie eben erst den Namen ›George Soros‹ als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der ›Protokolle der Weisen von Zion‹.« – Der Begriff »stichhaltige Gerüchte« wird seinen Platz finden im Wörterbuch der Niedertracht und der Verleumdung.

(5) »Gehörst du auch zu denen«, höre ich fragen, »die sich abstumpfen haben lassen, die durch das gespenstische Immer-wieder dieser Einzelfälle nicht mehr alarmiert sind, sondern, im Gegenteil, das häufige Auftreten solcher Fälle als Symptom der Landläufigkeit abtun, des Normalen – ›des kenn’ma eh schon‹ –, des einschläfernden ›Ist nichts Neues‹?«

(6) Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt, nie. Sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.

(7) »Willst du es dir«, so höre ich fragen, »des lieben Friedens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen ›konzentriert gehalten‹ werden sollen?«

(8) »Willst du feige die Zähne zusammenbeißen, wo gar keine Veranlassung zur Feigheit besteht? Wer kann dir in deinem Land, in deiner Zeit schon etwas tun, wenn du die Wahrheit sagst?«

(9) Wenn diese Partei, die ein Teil unserer Regierung ist, heute dazu aufruft, dass Juden in unserem Land vor dem Antisemitismus mancher Muslime, die zu uns kommen, geschützt werden müssen, so wäre das recht; und richtig. Alleine: Ich glaube den Aufrufen nicht.

(10) Anti-Islamismus soll mit Philosemitismus begründet werden. Das ist genauso verlogen wie ehedem die neonkreuzfuchtelnde Liebe zum Christentum. Sündenböcke braucht das Land. Braucht unser Land wirklich Sündenböcke? Wer traut uns solche moralische Verkommenheit zu?

(11) Kann man in einer nahestehenden Gazette schreiben, die befreiten Häftlinge aus Mauthausen seien eine Landplage gewesen, und sich zugleich zu Verteidigern und Beschützern der Juden aufschwingen? Man kann. Ja, man kann. Mich bestürzt das eine, das andere glaube ich nicht. Und wer das glaubt, ist entweder ein Idiot oder er tut so, als ob. Dann ist er ein Zyniker, und beides möchte ich nicht sein.

(12) Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht: Hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können! Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben. Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich heute vor Ihnen sagen soll, und mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich sprechen will. Aber man hat mich gefragt, und ich empfinde es als meine staatsbürgerliche Pflicht, es zu tun.

(13) Es wäre so leicht, all die Standards von ›Nie wieder« und bis »Nie vergessen«, diese zu Phrasen geronnen Betroffenheiten aneinanderzureihen, wie es für Schulaufsätze vielleicht empfohlen wird, um eine gute Note zu bekommen. Aber dazu müsste man so tun, als ob. Und das kann ich nicht und das will ich nicht.

(14) Schon gar nicht an diesem Tag, schon gar nicht bei dieser Zusammenkunft. Ich möchte den Opfern, die mit Hilfe der Recherchen und der Erzählungen dieser jungen Menschen und mit Ihrer und mit meiner Einbildungskraft zu mir und zu Ihnen sprechen, und mir zuhören. Ihnen möchte ich in die Augen sehen können. Und mir selbst auch. Und mehr habe ich nicht zu sagen. Danke.‹

Reflexion

Gleich zu Beginn seiner Rede überrascht Michael Köhlmeier, weil er das Wort »dumm« verwendet. Dieses Wort will so gar nicht in diesen feierlichen Rahmen passen. Und doch gehört es hierher und ist, wie aus dem Verlauf der Rede zu ersehen, ein bewusst gesetztes Irritationsmoment; ein Aufwecker, wenn man so will. Gleichzeitig beruft der Redner sich auf eine Autorität, auf den Nationalratspräsidenten – formell der zweite Mensch in der politischen Hierarchie des Staates Österreich –, der in seiner Rede zuvor sagte, man müsse Dinge beim Namen nennen. Köhlmeier nimmt das wörtlich. In (2) sagt er, was er will: »Den Ermordeten des NS-Regimes […] in die Augen sehen können«, und da er weiß, dass dies faktisch nicht möglich ist, verlangt er vom Publikum und von sich selbst, die Einbildungskraft zu Hilfe zu nehmen. Für den weiteren Verlauf der Rede ist das entscheidend.

Nun folgt die narratio der Rede, und in ihr stellt der Autor mehrere imaginierte Fragen. Da er in (2) sagt, er möchte den Ermordeten in die Augen schauen können (und das ist nicht bloß eine Metapher, denn es leben ja noch Menschen, die dem Massenmord der Nazis entkommen sind), kann er für sich in Anspruch nehmen, diese Fragen quasi auf Augenhöhe zu stellen. Er versucht, sich vorzustellen, wie es für ihn wäre, stellte ihm ein von Gewalt und Rassismus verfolgter Mensch solche Fragen, egal ob er noch lebt oder nicht. Diese Fragen haben vieles von dem zum Inhalt, was in den ersten Monaten der aktuellen ÖVP-FPÖ-Regierung von der medialen Berichterstattung nicht nur in Österreich kritisch beurteilt wurde, vor allem wenn es von der FPÖ kam. Köhlmeier muss diesbezüglich nicht ins Detail gehen – und er nennt auch keine Namen, weil er mit argumenta ad hominem nicht arbeitet –, denn die Anwesenden der Festveranstaltung und die Zuseherinnen und Zuseher daheim an den Fernsehapparaten wissen beziehungsweise wussten genau, was er meint. Diese Redeteile sind Allusionen.

In den Passagen (3) bis (8) seiner Rede bezieht er sich auf antisemitische und/oder rassistische Äußerungen von Mitgliedern der FPÖ bzw. von Personen, die dieser Partei nahestehen. Zu trauriger Berühmtheit gelangt ist zuletzt das Oxymoron »stichhaltige Gerüchte«, mit dem ein FPÖ-Abgeordneter den Milliardär und Philantropen George Soros antisemitisch zu brandmarken versuchte. Auch darauf nimmt Köhlmeier Bezug, hier spricht der Redner selbst. »Oxymoron« kann man übrigens mit »dummschlau« übersetzen; dies nur nebenbei.

Abgesehen von der Kritik an diesem Ausdruck imaginiert Michael Köhlmeier in diesen Redepassagen Fragen, die sich auf rezente politische Aussagen der FPÖ beziehen, und er formuliert das deswegen als Fragen, weil er sich selbst in seiner Rolle als Festredner hinterfragt. Diese – politische – Selbsthinterfragung ist an Ausdrücken abzulesen wie etwa »abstumpfen«, »Landläufigkeit«, das »Normale« (alle: [5]), »widerspruchslos« (7), »feige« (8). In diese Fragenimaginationen hat der Autor zwei Passagen eingebaut, in denen er selbst spricht. Diese beiden Passagen bereiten sozusagen im Rahmen einer Klimax den Höhepunkt der Rede vor.

In (4) sagt Köhlmeier: »Der Begriff ›stichhaltige Gerüchte‹ wird seinen Platz finden im Wörterbuch der Niedertracht und der Verleumdung.« Auf diese eindeutige Verurteilung des Oxymorons folgt in (6) – gesteigert – seine Rede von den vielen kleinen Schritten, die zum »großen Bösen« führen; zweifellos ist damit der millionenfache Massenmord der Nationalsozialisten gemeint. Darauf folgt der Satz: »Erst wird gesagt, dann wird getan.« (6) Dieser Redeteil verweist darauf, dass man nicht mehr behaupten kann (so wie das noch vor wenigen Jahren der Fall war), dass man nicht gewusst hätte, was die Nazis vorhaben. Sie haben es ja angekündigt. Man kann nicht so tun, als ob nichts geschehen wäre. Wer zuhören wollte, konnte es wissen, die Dokumente der Zeit (Zeitungsberichte etc.), die dies belegen, sind Legion. Dieses Verhältnis von Zuhören und Wissen überträgt Köhlmeier auf heute – die Gründe für die Möglichkeit dieser Übertragung hat er zuvor ja angegeben – und wechselt wieder zu den imaginären Fragen: »Wer kann dir in deinem Land, in deiner Zeit schon etwas tun, wenn du die Wahrheit sagst?« (8) Darum geht es Köhlmeier: Um das Sagen der Wahrheit. Um das Zeigen auf das, was geschehen ist. Um die Entbergung. Dies ist der Höhepunkt seiner Rede.

Von (9) bis (12) zeigt Michael Köhlmeier in Form einer klassischen argumentatio sehr deutlich, worum es ihm geht: Wenn die FPÖ – die er hier nicht mit Namen nennt – ihr Auftreten gegen Menschen, die Moslems sind, mit einer Liebe zu Israel begründen will, dann sei das Köhlmeier zufolge nicht glaubwürdig. Seine Gründe dafür hat er bereits in den Teilen (3) bis (7) seiner Rede genannt. Sie sollen hier nicht wiederholt werden, zumal es seit Kurzem auch die Website »FPÖ-Einzelfälle« gibt, die antisemitische und rassistische Aktionen dieser Partei akribisch dokumentiert und mehr Beispiele anführt als Köhlmeier, dessen Redezeit offenbar knapp bemessen war. Köhlmeiers Argument ist dieses: »Wenn diese Partei, die ein Teil unserer Regierung ist, heute dazu aufruft, dass Juden in unserem Land vor dem Antisemitismus mancher Muslime, die zu uns kommen, geschützt werden müssen, so wäre das recht; und richtig. Alleine: Ich glaube den Aufrufen nicht.« (9) Warum Köhlmeier das nicht glaubt, hat er bereits in der narratio seiner Rede dargelegt. Und er präzisiert: »Anti-Islamismus soll mit Philosemitismus begründet werden. Das ist genauso verlogen wie ehedem die neonkreuzfuchtelnde Liebe zum Christentum.« (10) Heinz Christian Strache, FPÖ-Chef und jetzt Vizekanzler der Republik Österreich, ist immer wieder mit einem demonstrativ in die Kamera gehaltenen Kreuz aufgetreten (vgl. krone.at), um sich als Retter des christlichen Abendlandes vor den Moslems zu inszenieren. Darauf bezieht sich Köhlmeier, in Österreich weiß man das. Der Redner sagt einfach und deutlich, worin die Doppelmoral besteht, die die FPÖ offenbar zur Maxime ihres politischen Handelns gemacht hat: Einerseits die Juden beschimpfen, andererseits die Juden verteidigen und beschützen (11). Ersteres macht den Redner bestürzt, Zweiteres findet er unglaubwürdig: »Und wer das glaubt, ist entweder ein Idiot oder er tut so, als ob. Dann ist er ein Zyniker, und beides möchte ich nicht sein.« (Ebd.) Michael Köhlmeier will nicht so tun, als ob da nichts gewesen wäre, wenn die FPÖ mit ihren sattsam bekannten gewalttätigen und rassistischen Aussagen in die Schlagzeilen kommt.

An dieser Stelle kehrt der Redner an den Ausgangspunkt seines Texts zurück, und er fügt abschließend noch eine weitere historische Übertragung ein – das Schließen der Fluchtrouten für politisch Verfolgte: »Hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können! Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben.« (12) Das stimmt, man denke nur an die Schließung der Fluchtrouten von Spanien nach Portugal, die den flüchtenden Walter Benjamin im September 1940 zu seiner fatalen Entscheidung gebracht haben. Diese kurze Passage der Rede hat die Kanzlerpartei ÖVP aufgebracht, und man hat Michael Köhlmeier vorgeworfen, den Nationalsozialismus zu verharmlosen, weil er diesen Vergleich gezogen hat. – Das Gegenteil ist der Fall: Seit er im Amt ist, wird Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) nicht müde zu betonen, er sei es gewesen, der die »Balkanroute« geschlossen hätte, also die Route, auf der Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten und aus Afrika seit 2015 nach Europa gelangen. Es geht Köhlmeier um das Ergebnis des Schließens von Fluchtrouten einst und jetzt. Natürlich werden heute die Flüchtlinge nicht vergast, so wie das die Nazis getan haben. Darum geht es dem Redner auch nicht, es geht ihm vielmehr darum, dass einst wie jetzt politisch Verfolgten ihr Sein-Können verwehrt wird; mit welchen Mitteln auch immer. Dies zu sagen empfindet er als seine »staatsbürgerliche Pflicht« (12).

Abschließend äußert Michael Köhlmeier noch seine Skepsis bezüglich der antifaschistischen Erinnerungs- und Betroffenheitskultur, die er mit den allseits bekannten Slogans »Nie wieder« und »Nie vergessen« kennzeichnet (13; in beiden Fällen müsste wohl noch ein Ausrufezeichen hinzugefügt werden). Hier kommt er auf sein Thema zurück, auf das »so tun, als ob«: »Und das kann ich nicht und das will ich nicht.« (Ebd.) So tun, als ob da nichts gewesen wäre: Eine sich auf die beiden erwähnten Slogans beziehende Erinnerungskultur ist dem Redner zufolge offensichtlich defensiv, weil sie dem Reden und Handeln der FPÖ und anderer rechtspopulistischen Gruppierungen nichts entgegenzusetzen hat. Statt »Nie wieder« müsste es wahrscheinlich »Nicht schon wieder« heißen. Das – so genau muss man sein – sagt Michael Köhlmeier nicht. Aber ein »Nicht schon wieder« wäre eben kein »so tun, als ob«, weil durch das »schon« Akteure bezeichnet werden, die etwas wiederholen, das zu tun nicht wünschenswert ist. Wer in solchen Zusammenhängen »Nicht schon wieder« sagt und dementsprechend aktiv wird – so könnte man formulieren –, erfüllt den hierzulande oft beschworenen antifaschistischen Grundkonsens. Dass die Wahlergebnisse diesbezüglich eine andere Sprache sprechen, ist allerdings ein anderes Thema.

Michael Köhlmeier schließt den Bogen seiner Rede, indem er ihren Anfang zitiert: »Schon gar nicht an diesem Tag, schon gar nicht bei dieser Zusammenkunft.« (14) Er will den Opfern »in die Augen sehen können«. Und sich selbst auch. Das ist alles.

Was bleibt

Sicherlich gibt es mehr als das zu sagen, was dieser Essay über diese Rede zu sagen versucht. Es ist auch nur wenige Tage her, dass sie gehalten wurde. Was von der Rede Michael Köhlmeiers möglicherweise bleiben wird, ist zunächst die Rede selbst. Sie ist äußerst kunstvoll gebaut, wie eingangs erwähnt dem genus grande zuzuordnen, obwohl sie sich der sprachlichen Mittel des genus simplex bedient – ein eminenter Kunstgriff des Autors –, und sie hat in Teilen auch bereits Wirkung gezeigt, weil zwei Tage später Bundespräsident Alexander Van der Bellen am 6. Mai 2018 anlässlich einer Gedenkveranstaltung im ehemaligen KZ Mauthausen bereits aus der Rede zitiert hat – die »kleinen Schritte« zum Bösen (vgl. 6). Es wird bleiben die Erkenntnis, dass ein behaupteter Philosemitismus (egal, ob von der FPÖ oder sonst wem) keinen Anti-Islamismus begründen kann, weil es sich dabei um eine Scheinkausalität handelt – die absichtsvolle Korrelation/Kausalität-Verwechslung, die bei rechtsgerichteten Politiken gerne zum Einsatz kommt. Gerade die oftmalige Verwendung von »und« in der Rede – ein Wort, das meist in der Narration, dem literarischen Metier Köhlmeiers, eingesetzt wird – zeigt, dass der Redner darum kämpft, eine solche Verwechslung, sei sie absichtlich oder nicht eingesetzt, zu verhindern. Es bleibt aber auch die Kritik, auf die nach der Untersuchung der Rede nur kurz eingegangen werden soll.

Köhlmeiers Rede ist weder »selbstgerecht« noch »desavouierend«, wie noch am selben Tag zwei FPÖ-Abgeordnete verlautbarten. Weder »verharmlost« Köhlmeier den Holocaust, noch »verunglimpft« er eine Million österreichischer Wähler, wie die Aussendung versucht, glauben zu machen. Anstatt auf den Text der Rede einzugehen (beide aussendenden Mandatare, Rosenkranz und Lazar, haben sie gehört), wird ausschließlich ad personam argumentiert. Nichts von dem, was die beiden in der Aussendung behaupten, findet sich in der Rede, weder explizit, noch implizit. Mit einem Tag Verspätung hat auch der ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer Köhlmeier der Verharmlosung des Holocaust geziehen, eine Behauptung, die sich nach einer eingehenden Lektüre des Redetexts schlicht nicht aufrechterhalten lässt. Die Rede außer Acht lassend, ist für einen gelernten Österreicher natürlich klar, warum gerade DIESE Kritik von gerade DIESEN Seiten kam. Dies zu untersuchen wäre eine eigene Reflexion wert. Dem Text ist absolut nichts vorzuwerfen, weder formal, noch inhaltlich.

»Willst du so tun, als wüsstest du das alles nicht? Als wüsstest du nicht, was gemeint ist, wenn sie ihre Codes austauschen?«, fragt Köhlmeier sich und die Zuhörenden (4). Nein. Niemand will das. Die Codes sind ja bekannt, deren Ahndung zum Teil im Strafgesetzbuch festgehalten. Die FPÖ und Teile der ÖVP, vereinfacht gesagt die Rechten in Österreich, zeigen sie in Wort und Tat, sie sind im Grunde nicht verborgen. Deswegen – weil die Intentionen der Rechten so offen zutage liegen – plädiert Köhlmeier dafür, die Wahrheit zu sagen. Damit ist eben nicht eine Wahrheit im moralischen Sinn – etwa als Gegenphänomen zur Lüge – gemeint, sondern die Wahrheit als Unverborgenheit. Oder, anders: Sagt doch, was Sache ist! In unserem Land, in dieser Zeit, kann niemand einem deswegen etwas (an-)tun. Das ist der in eine Frage gekleidete Appell der Rede.

Die ganze Rede Köhlmeiers ist die Antwort auf die von ihm darin gestellten rhetorischen Fragen. Natürlich ist das vom Autor beabsichtigt, und es sind auch Fragen, deren Antworten gleichzeitig auf der Hand liegen. Köhlmeier hat versucht, sie zu ordnen, und während er gesprochen hat, die einzelnen Fragen mit »und« verknüpft hat, hat er gezeigt, hat sich gezeigt, wie schwierig es ist, die allenthalben auftretenden gewaltsamen und rassistischen Zumutungen zu verstehen – mögen sie etwa in Österreich, Deutschland, Polen, Ungarn oder in der Türkei auftreten – und angemessen darauf zu reagieren. Statt des »Nie wieder« und »Nie vergessen« – Köhlmeier erwähnt das –, die man auch unter das allseits bekannte »Wehret den Anfängen« subsumieren kann, könnte man den Inhalt seiner Rede mit »Wehret den Fortsetzungen« zusammenfassen. Es leben nur mehr wenige Menschen, die die Anfänge der mörderischen NS-Politik miterlebt haben. Sie dabei zu unterstützen, darauf aufmerksam zu machen, dass sich das nicht fortsetzen möge, das wäre eine mögliche – und sehr einfache und bescheidene – Lesart dieser Rede Michael Köhlmeiers. Eine solche Unterstützung zeigte Respekt vor den Erlebnissen der noch lebenden NS-Opfer und wäre zugleich ein Fingerzeig für ein aktuelles politisches Verhalten der Nachgeborenen. Damit niemand sagen kann, dass da nichts gewesen wäre. Diese Rede ist in ihrer Einfachheit ein Glanzstück der deutschsprachigen Literatur. Sie gehört in jedes Lesebuch.

Dieser Beitrag wurde unter Aufsätze und Feuilletons veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.