Wer muss, hat keine Wahl

Über eine neue Aufklärungsschrift

»wer andere kennt, ist klug.
wer sich selbst kennt,
ist weise.«
(Laudse, Daudedsching 33;
Übers. Ernst Schwarz)


Im Klett-Cotta-Verlag ist 2017 nach der beeindruckenden »Logik für Demokraten« von Daniel-Pascal Zorn – hier gehts zur Besprechung – ein weiteres Buch erschienen, das der Philosoph Zorn diesmal gemeinsam mit dem Historiker Per Leo und dem Juristen Maximilian Steinbeis geschrieben hat: »mit Rechten reden. Ein Leitfaden«. Angesichts des Ausgangs der deutschen Bundestagswahl und der österreichischen Nationalratswahl im Herbst 2017 könnte man schurnalistisch sagen, ›dieses Buch kommt zur rechten Zeit‹. Dem ist nicht so. Dieses Buch ist vielmehr überfällig, jedenfalls hätte es – etwa die politischen Verhältnisse Österreichs betreffend – bereits Mitte der 1990er-Jahre erscheinen sollen. Möglicherweise wäre uns hierzulande Einiges erspart geblieben, aber das ist jetzt eine zu optimistische hypothetische Ex-post-Aussage.

Ein Werk, dessen Inhalt sich in seiner Komplexität hauptsächlich aufgrund seiner linearen Verlaufsgestalt erschließt, wird stets von seinem Ende her ausgelegt. Das gilt für Theaterstücke wie für Opern und Filme, für einen Song ebenso wie für ein Oratorium und für eine Symphonie. Erst recht gilt das für ein Buch. Das hier zu besprechende politische Buch »mit Rechten reden« endet mit einem bemerkenswerten Satz, der nur dann nicht zu verstehen ist, wenn man ›das davor‹ nicht gelesen hat; oder gelesen, aber nicht verstanden hat; oder nicht verstehen wollte. Der Satz lautet: »tl;dr: Tristesse droite: Tertium datur.« – Übersetzt: »Too long; [I] didn’t read«, »rechte Freudlosigkeit«, »ein Drittes ist gegeben«. Englischer Internetslang für ›Eingeweihte‹; Französisch, um eine eventuell als solche zu verstehende Polemik eleganter zu machen; das Lateinische, das ein logisches Gesetz mit ebenso leichter wie gravierender Abwandlung in den Alltag transformiert. Und um diesen Alltag geht es den drei Autoren in ihrem Buch »mit Rechten reden«. Es geht ums Reden, es geht um eine Gegnerschaft, es geht um Koexistenz. Das Buch ist definitiv nicht zu lang, es macht große Freude, es zu lesen, und es zeigt, dass es in einem Widerstreit sehr wohl etwas Drittes geben kann. Es geht ums Sein-Können.

Leo/Steinbeis/Zorn haben »mit Rechten reden« in vier Teile gegliedert und mit einem Prolog (»1788. Leitfaden zum Leitfaden«, S. 11–16) und einem Epilog (»Parley. Vorschlag eines anderen Sprachspiels«, S. 177–183) gerahmt: »A) Der Wille zur Macht. Warum mit Rechten reden?« (17–47), »B) Kritik und Selbstkritik. Wie Rechte mit uns reden« (49–76), C) »Das abenteuerliche Herz. Wie mit Rechten reden?« (77–131) und »D) Zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück. Worüber mit Rechten reden?« (133–175).

Kant und Knigge

Der Prolog also ist ein Leitfaden zum Leitfaden, und er formuliert sehr genau, warum das Buch keine Ratschläge gibt; ein richtiger Leitfaden gibt ja keine Ratschläge, denn der Rat etwa Ariadnes an Theseus, einen Faden zu verwenden, um aus dem Labyrinth des Minotauros hinauszufinden, ist jenem ja schon vor der Verwendung des Fadens gegeben worden. Es steht zu erwarten, dass dieses Buch viele Kritiker (gemeint sind solche, die mit ihm nicht einverstanden sind) auf den Plan rufen wird, denn wer will schon mit politisch rechts stehenden Menschen reden … Solchen Kritikern sei empfohlen, den Prolog genau zu lesen und vor allem zu verstehen. Die Forderung nach genauer Lektüre schließt allerdings den Prologtitel ein: »1788«. Was war 1788? – In jenem Jahr ist des Freiherrn Adolph Knigges »Über den Umgang mit Menschen« erschienen und auch Immanuel Kants »Kritik der praktischen Vernunft« (KpV). Es kann kein Zufall sein, dass der Titel diese Assoziation zulässt, denn in weiterer Folge macht »mit Rechten reden« klar, dass es im diskursiven Umgang mit politisch Andersdenkenden, also mit den Rechten, natürlich auch um Fragen der Moral geht. Dabei muss aber ebenfalls gesagt werden, dass Knigges Buch als Anstandsfibel gründlich missverstanden worden ist; es ist im Gegensatz zu dem, was die communis opinio zu glauben beliebt, eine alltagstaugliche aufklärerische philosophische Anthropologie. »mit Rechten reden« ist eben NICHT als Anstandsfibel im Sinne etwa von ›Seid nett zu Rechten!‹ zu verstehen. Und Kants KpV ist eben auch nicht die moralisierende Begleitmusik fürs Anständigsein, wie man vielleicht meinen könnte, Stichwort ›kategorischer Imperativ‹. »mit Rechten reden« ist eben NICHT als moralphilosophisches Unterfutter für den (womöglich: politisch korrekten) Umgang mit Rechten zu verstehen, weil das Buch infinitivisch zeigt, was ist, und nicht sagt, was sein soll. Von Letzterem distanzieren sich die Autoren immer wieder. Ob dann die Herstellung einer Moral gelingen kann, lassen sie bewusst offen, sie geben Beispiele, »wie man es machen könnte« (15), nämlich das Reden mit den Rechten.

Formen der Rede

Diese 1788-Anspielung – sollte es denn eine sein – fungiert eher als Grundierung des Buches, weil es den Autoren um das Gespräch, das Reden, um den Austausch von Argumenten geht – um das Wie dieses Austauschs: »Wir begreifen […] als ›rechts‹ keine eingrenzbare Menge von Überzeugungen oder Personen, sondern eine bestimmte Art des Redens. […] Hier wollen wir nur anmerken, dass dieser Ansatz nicht willkürlich gewählt ist. Fast alle ›rechten‹ Phänomene, mit denen wir es derzeit zu tun haben, lassen sich als Formen der Rede auffassen, genauer gesagt: der reaktiven Rede. Der rechte Diskurs reagiert auf eine demokratische Öffentlichkeit in der Krise.« (12) Zu beachten sind hier die Anführungszeichen bei »alle ›rechten‹ Phänomene«. Sie müssen nicht vordergründig politisch sein, dieser Begriff kann auch Esoterik jeder Art, Impfgegner, Opus-Dei-Mitglieder, Rapid-Fans oder auch Street-Fundraiser, den Herrn Düringer und Veganer umfassen. Es geht also zunächst nicht um die inhaltliche Ausrichtung der jeweiligen Ideologie, sondern um die Art und Weise, mit der sie mit ihren Behauptungssätzen Geltung beansprucht, also argumentiert. Nur weil man argumentiert, heißt das noch lange nicht, dass das Argument schon gilt. Der Begriff ›Argument‹ hat eine viel zu gute Presse, womöglich wird er deswegen so gerne missbraucht. Dem entgegenzutreten, indem man das ARGUMENTIEREN genauer betrachtet, ist Thema des Buches. Zunächst aber lohnt sich ein Blick auf seinen Titel.

Der Titel: Infinitiv statt Imperativ

Ein eingefleischter Ästhetiker und Hermeneut wird zunächst auf das schauen, was sich einem unmittelbar zeigt: auf den Buchumschlag. Der Titel »mit Rechten reden« verdient eine ausführlichere Betrachtung, als es mitunter in Rezensionen üblich ist. Alleine schon das Faktum, dass er am Cover und am Titelblatt linksbündig gesetzt ist, zeigt, dass es im Buch ironisch zugeht. Wer abgesehen davon den Titel als Imperativ versteht, übersieht, dass da kein Ausrufezeichen steht (vgl. 49). Deswegen sind Einwände à la »Warum SOLL ich mit Rechten reden?« keine gültigen Einwände, weil sie den Zusammenhang der drei Wörter offenbar nicht verstehen (wollen). Das Buch fordert nicht dazu auf, mit politisch rechts orientierten Menschen zu reden, denn sein Titel formuliert im Infinitiv ein Problem und eben keinen Imperativ. Das ist auch daran zu erkennen, dass es »mit« heißt und nicht »Mit« – ein deutliches Zeichen dafür, dass das Problem mitten aus dem Satz, mitten aus dem Leben gegriffen und daher unabgeschlossen, noch nicht gelöst ist. Denn es wird über kurz oder lang nicht möglich sein, mit Rechten nicht zu reden.

Ein weiterer oft und gern gebrachter Einwand v.a. des linken Diskurses lautet etwa so: ›Wollte ich als Linker mit Rechten reden, dann erkennte ich doch deren Inhalte als gültig an; deswegen rede ich nicht mit ihnen, denn da würde ich ihnen zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen und meine Position schwächen.‹ Dieser Einwand kann ebenfalls, und wohl auf noch schwerer wiegende Weise, nicht Geltung beanspruchen (Thomas von Aquin würde sagen ›quod non‹), denn er enthält (mindestens) gleich drei Denkfehler:

1) »mit Rechten reden« besagt, dass Nicht-Rechte mit Rechten reden. Jeder Linke ist »nicht rechts«, aber nicht jeder Nicht-Rechte ist schon gleich deswegen links. Das Buch hat also, marketingtechnisch gesprochen, eine größere Zielgruppe, als sich die Linken offenbar vorstellen können.

2) Nur weil ich mit jemandem über etwas rede, das meinen Überzeugungen nicht entspricht, heißt das noch lange nicht, dass ich die ›Inhalte‹ (besser: Überzeugungen) des Gesprächspartners anerkenne oder gar teile. Ich will einfach Antworten auf Fragen, die ich den Rechten stelle. Das ist alles.

3) Wer sich rein auf ›Inhalte‹ bezieht (und der vor allem linke Inhaltismus nicht nur in politischen Debatten ist wohl eines der Grundübel des gesellschaftlichen Diskurses der letzten 49 Jahre), übersieht, dass ein ›Inhalt‹ nicht ohne Form zu haben ist. Inhalte sind immer geformt, oder sie sind nicht. Die Autoren beziehen sich genau auf das: Nämlich dass die Rechten ihre ›Inhalte‹ und Überzeugungen in der FORM von Argumenten vorbringen. Was das Buch zeigt, ist lediglich, was man eventuell tun kann, wenn man diese Form ernst nimmt: Argumentieren. Nur dann ist echte Gegnerschaft möglich; sie ist unabdingbar für die Demokratie.

Insgesamt ist bereits aus Titel und Untertitel ersichtlich, worum es im Buch hauptsächlich geht: zunächst auf das Sprechen zu achten. Es ist nämlich nicht egal, WIE jemand etwas sagt. – Selten noch war bei einem Buch die Wortwahl des Titels so geglückt.

›Warum?‹

In Kapitel A ihres Buches melden die Autoren Zweifel an am derzeit üblichen diskursiven Umgang mit rechtem Gedankengut. Sie gestehen zu, dass es durchaus wertvolle Anhaltspunkte für diesen Umgang gibt, haben aber einen anderen Ansatz, den sie mit drei Argumenten untermauern. Erstens stellten »die rechten Inhalte allein noch kein Problem dar, selbst dann nicht, wenn sie sich zu einer extremistischen Ideologie verfestigt haben oder gar zu Straftaten motivieren« (24), denn dann hätte man lediglich »einen Job zu erledigen« (25), nämlich das Strafgesetzbuch in Anschlag zu bringen und dessen Normen zu exekutieren; in der Tat wäre das ausreichend, in Deutschland wie in Österreich. Die rechte bzw. rechtsextreme Verfassungsfeindschaft (zu der auch jeder Versuch zählt, internationale menschenrechtliche Normen, die in zivilisierten Staaten üblicherweise im Verfassungsrang stehen, abzuschwächen oder gar abzuschaffen) ist für die Autoren ein keineswegs zu vernachlässigender Extremfall, allerdings gilt ihr Interesse mehr dem, was »diesseits der offenen Verfassungsfeindschaft« (ebd.) geschieht. Zweitens – und das ist ein Punkt, den die antifaschistische Linke wahrscheinlich kaum verdauen wird – sind die Autoren überzeugt, dass man die Rechten nur schwer über ihre Inhalte fassen kann (vgl. 26). Der Grund ist für linke Kritiker der Rechten einigermaßen unangenehm: Die Rechten sind inhaltlich flexibel. Leo/Steinbeis/Zorn schreiben: »Wenn sie etwa die aggressive Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus kritisieren, könnte man sie auf den ersten (und manchmal auch auf den zweiten) Blick für Linke halten; wenn sie den Abbau des Sozialstaats verlangen oder radikal auf ihrer Meinungsfreiheit bestehen, für Liberale; wenn sie ein Birnenbäumchen pflanzen und die selbstgezogene Rote Bete auf den Biomarkt tragen, für Grüne.« (27) Anmerkung des Rezensenten (eine Erinnerung): Ersteres Beispiel – die Rechten als ›Linke‹ – trifft insofern zu, als bei den Wahlen zur Österreichischen Hochschülerschaft bereits Mitte der 1980er-Jahre an der Universität Wien eine Partei kandidiert hatte, die sich »Initiative Neue Linke« nannte. Man hatte daraufhin entdeckt, dass es sich um eine Tarnliste der Neonazis handelte, und die Partei verboten. Und dann, ganz aktuell: Die neoliberale österreichische Parlamentspartei ›Neos‹ tritt dafür ein, den Konsumentenschutz abzuschaffen – ein erster, vermeintlich harmloser Schritt zur Abschaffung sozialer Rechte. Drittens gilt den Autoren zufolge, dass es kaum möglich ist, die Rechten auf bestimmte Inhalte festzulegen, weil sie mit dem polaren Umgang mit ihnen – einerseits werden sie verharmlost, andererseits dämonisiert man sie – spielen. Es gelte zu erkennen – und entsprechend darauf zu reagieren –, dass sie eine Art Einerseits-Andererseits-Spiel mit ihren Kritikern spielen, »… beides gefällt ihnen« (28).

Sprachspiel und Moralismus

Die Autoren nennen das (durchaus auch in Anlehnung an den Begriff Ludwig Wittgensteins) im weiteren ein »Sprachspiel«. Stellvertretend für viele andere diesbezügliche Stellen des Buches möge hier dieses Zitat stehen: »Im Sinne dieses Begriffs [Sprachspiel; MR] wollen wir als ›rechts‹ nicht in erster Linie bestimmte Inhalte bezeichnen, sondern eine Praxis, eine bestimmte Art zu reden. […] Rechtes Reden ist immer polemisch, Egal, was Rechte sagen oder schreiben, sie denken ihren Gegner mit. […] Sie sind sogar geradezu besessen von uns. Sie müssen, um als Rechte zu existieren, gegen uns reden. Auch darum wünschen wir sie zum Teufel. Aber sie trollen sich einfach nicht. Und das hat mehr mit uns selbst zu tun, als uns lieb sein kann.« (ebd.) Die Rechten setzen sich selbst immer als Normalzustand: Es sei »eine unhintergehbare Tatsache […] einer gewachsenen Gemeinschaft anzugehören«, dies sei »natürlich«, wer sie (die unhintergehbare Tatsache) »verleugne, müsse die Wirklichkeit und mit ihr die normal Denkenden durch eine gewaltige Lüge unterdrücken« (34), beschreiben die Autoren eindrücklich. Hier werde es schwierig mit dem Argumentieren, denn die Falle, die die Rechten da aufgestellt haben, ist der Moralismus. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein, entgegnet man ihnen üblicherweise, und tappt damit in ihre Falle, weil man ihr Problem sich zu eigen macht. Anstatt eines Gesprächsabbruchs plädieren die Autoren dafür, das Problem »gemeinsam zu entfalten« (47).

›Wie?‹ B und C

Die zwei Mittelkapitel des Buches widmen sich der Art des Gesprächs, einmal aus der Sicht der Rechten, dann aus der Sicht der Nicht-Rechten. Vor allem ersteres, Kapitel B, brilliert mit seiner Kenntnis der Szene, die vor allem mit literarischen Stilmitteln charakterisiert wird. Natürlich wird auch hier argumentiert, aber da es ja nur wenigen gegeben ist, ›authentische‹ Einblicke in die rechte Szene zu haben, ist es durchaus angemessen, eine literarische Annäherung zu versuchen. »Es geht schon lange nicht mehr um die Frage, ob wir mit den Rechten reden sollen, sondern allein darum, wie wir es tun«, schreiben Leo/Steinbeis/Zorn (50). Es sollte nicht schwierig sein, diesem Befund zuzustimmen, allerdings würde das Selbstreflexion und -kritik voraussetzen. Daran scheint es zu mangeln, denn – so die Autoren: »Wir spielen nämlich, ohne dass wir es zu merken scheinen, längst ihr [= der Rechten; MR] Spiel. Ein Spiel, das uns ein unterlegener Gegner dank einer sehr effektiven Strategie aufgezwungen hat.« (Ebd.) Hier schließt sich eine der vielen ungemein starken Passagen des Buches an, die in ihrer Erzählung zeigt, woran es mangelt: An einer ausgeprägten Achtsam- und Empfindlichkeit für den rechten Diskurs. Alle in diesem Kapitel angeführten Beispiele, die behutsam und schlüssig ineinander übergeführt werden, zeigen eines deutlich: Man hat im Diskurs mit den Rechten nicht genau genug hingesehen. Wenn man glaubt, den Rechten argumentativ begegnen zu müssen, wie einem das die eigene nicht-rechte Überzeugung vorschreibt, dann hat man schon verloren, denn: Wer muss, hat keine Wahl. Das aber ist das, was den Autoren von »mit Rechten reden« wichtig ist: Du hast immer eine Wahl, auch wenn es beim Austrag von Pro und Kontra vielleicht nur eine Alternative geben mag.

›Arschloch‹ als terminus technicus

Das Kapitel C setzt den literarischen Duktus dieses Teils des Buches fort. Leo/Steinbeis/Zorn beschreiben sehr pointiert den Opfermythos, den die Rechten um sich aufgebaut haben: Sie seien Opfer, weil sie von den ›Linken‹ zu Arschlöchern gemacht würden. (ÖsterreicherInnen denken hier wohl an die Vranitzky-Doktrin, die, stark vereinfacht, besagt, dass mit der FPÖ kein Staat zu machen sei, soll heißen: ›Keine Regierungskoalition mit den Rechten‹.) Diesbezüglich stellen die Autoren klar: »Niemand ist ein Arschloch. Wir nennen nur dann jemanden so, wenn er sich arschlochhaft verhält, und zwar nur dann. Und das gilt […] auch für Nicht-Rechte, sogar für uns selbst.« (91) Das ist natürlich provokant, nicht nur wegen der Wortwahl, die Kursivierungen in diesem Zitat zeigen allerdings sehr deutlich, was den Autoren wichtig ist hervorzuheben: Es geht ihnen mit ihrer kritischen Betrachtung nicht darum, WAS die Rechten sagen, sondern WIE sie es sagt. Es gibt einen Unterschied zwischen Sein und Benennen. Es ist dieses Wie, das vernünftige Diskurse erst möglich macht. Gerade deswegen, weil die Autoren immer wieder betonen, dass niemand mit den Rechten reden muss, ergibt sich die Chance, dass aus einem solchen Gespräch etwas entstehen kann. Es geht ums Sein-Können und nicht ums Müssen. Es geht ihnen ums Gespräch und nicht um ein Urteil.

Auf Seite 97 steht: »Ich kann machen, was ich will, aber wenn du dich wehrst, bist du ein Diktator: Das ist das Motto des Opfers. Unterwirf dich, oder du bist mein Feind: Das ist das Motto des Arschlochs.« Das ist die Gesprächshaltung der Rechten, so wie sie die Autoren auf den Punkt bringen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Diese dritte Positionen ausschließende Haltung ist allerdings nicht alleine auf der rechten Reichshälfte beheimatet. Dieses Hin und Her könnte man als den engsten Kreis, der möglich ist, bezeichnen (kann man das sagen, ›engster Kreis‹? Ist das nicht eigentlich ein Punkt?). Es ist eine sehr weit verbreitete Diskurshaltung, ein Auf-der-Stelle-Treten. Wie es funktioniert, zeigen die Autoren in einem konzisen Abschnitt dieses Kapitels, den man durchaus als Prunkstück dieses an brillanten Passagen überreichen Buches bezeichnen kann: »Auf der Windrose« (117–124). Unter der Annahme, dass die Rechten sich in einem/ihrem Kreis befinden, aus dem sie nicht rauswollen, fixieren die Autoren in diesem Abschnitt vier Punkte, die sozusagen die Himmelsrichtungen einer Windrose kennzeichnen: Behauptung, Zweifel, Patt, Männer.

Eine Behauptung, der man nicht sogleich und bedenkenlos zustimmen kann, kann nicht durch eine weitere Behauptung in Geltung gesetzt werden. So etwas wäre eine dogmatische Setzung. Wer etwas behauptet, steht grundsätzlich vor der doppelten Situation der Strittigkeit seiner Behauptung: Der Gesprächspartner antwortet entweder mit der Warum-Frage – in diesem Fall muss der Behaupter mit einem Satz antworten, der weniger oder überhaupt nicht strittig ist. Der Gesprächspartner kann aber auch widersprechen, ›Nein‹ sagen, dann ist dieser dran mit dem Argumentieren – aber der Behaupter auch, weil er ja weiterhin seinen Standpunkt vertreten will. Und schon ist ein Gespräch in Gang gekommen. Das funktioniert mit den Rechten nicht. Sie hüpfen zum nächsten Punkt, zum Zweifel. Da wird dann alles in Zweifel gezogen, auch das, was sich nicht anzweifeln lässt (die Schwerkraft zum Beispiel), es ist egal, man empfindet es halt so. Das Problem dabei: Warum soll »für uns gelten […], was ihr nur fühlt?« (120) Diese Gegenfrage ist kein Vulgärrationalismus, der »Prinzipien« folgt und das Gefühlsleben beiseite schiebt, sie ist vielmehr eine Frage, die darauf besteht, eine Antwort zu erhalten. Da sie sie meist nicht bekommt, bietet der Rechte oft ein Patt an. Du hast deine Meinung, ich habe meine Meinung. Du bist okay, ich bin okay. Jeder müsse »sich für seine eigene Wahrheit entscheiden. Wahrheit gibt es halt nur im Plural.« (Ebd.) Das hätte ja schon die Postmoderne (also etwas böses Linkes, all dieser Relativismus, ach je …) mit ihrer Pluralitätsmaxime gesagt. Sobald man dann aber im Gegenzug die Anerkennung abweichender Meinungen einmahnt, also die Pluralität ernstnehmen will, machen die Rechten die Schotten dicht und lassen das Arschloch, das sie nicht sein wollen, raushängen. Sie graben sich daher auf einem Männlichkeitsstandpunkt ein: Ein Mann muss eben tun, was ein Mann tun muss. Tragisch, dass man das nicht verstehe. Das Leben in der Kaserne ist schön. Ich bin ein einsamer Wolf. Chuck Norris. Dirty Harry. Lass mich in Ruh.

Wichtig an diesem Hüpfen im Zirkel ist, so die Autoren, zu sehen, dass die Reihenfolge (wie hier und im Buch gegeben) auch verändert werden kann. Sinn und Zweck dieser Diskurspraxis der Rechten ist etwas zutiefst Menschliches: Orientierung zu bekommen. Zugleich aber: dem Gesprächspartner die Orientierung zu verwehren. Leo/Steinbeis/Zorn hingegen schlagen vor, aus dem Kreis herauszutreten, zu schauen, was »hinter dem Horizont« (124) ist. Und wieder sprechen sie die Rechten an, meinen damit aber uns alle: »Hier könntet ihr sein, was ihr seid, euch dadurch von anderen, die etwas anderes sind, unterscheiden. Und zugleich müsstet ihr alles aufgeben, was ihr zu sein behauptet.« (128) Das können nur die ›Inhalte‹ sein, das, worum es geht. Ariadnes Faden führt dorthin.

›Worüber?‹

Dieser Frage ist das abschließende Kapitel D gewidmet. In diesem Kapitel sollten die – meist links orientierten – Inhaltisten auf ihre Rechnung kommen, sofern sie bis hierhin lesen. Anhand folgender Themen führen Leo/Steinbeis/Zorn präzise vor, wie kurz- und fehlschlüssig rechte Positionen sind, sobald sie ihre Argumente in die Debatte einbringen: Flüchtlinge, Widerstand, Volk, Redefreiheit, Ungleichheit, Islam, Nationalsozialismus. Beim Islam-Thema etwa zeigen die Autoren sehr deutlich, wie sehr rechte Argumentationsstrategien und Inhalte denen des gewalttätigen politischen Islam gleichen – »Erkennt ihr, dass sie euer Spiegelbild sind?« (162). Und beim NS-Thema sprechen die Autoren insbesondere die »linken Freunde« (z.B. 173) an, um abschließend noch einmal auf eines der zentralen Motive zu kommen, warum sie dieses Buch geschrieben haben: »Wir sagen nur, dass Kritik an einer Sache nicht allein deshalb unberechtigt ist, weil auch die Rechten sie äußern. Ihr [= die Linken; MR] tut so, als gäbe es in solchen Fragen nur Ja oder Nein. Dabei geht es immer um die Gründe der Kritik.« (Ebd.) Das ist es: Tertium datur – und es ist eben nicht etwas, das in der Mitte von Ja und Nein liegt, oder das ein sich nicht entscheiden wollendes kompromisslerisches Jein ist. Es ist ein Anderes, die Art der Gesprächsführung, das Achten darauf und auf die Weise, wie argumentiert wird. Ein Sensorium dafür wachzukitzeln ist das Anliegen dieses Buchs, und das zu explizieren ist den Autoren hervorragend gelungen. »mit Rechten reden« ist ein Vademecum für das Verständnis von rechter Rede und für den argumentativen Einsatz von nicht-rechter Gegenrede, die sich als Rede begreifen will.

Zum Epilog »Parley«

»Parley«, oder auch französisch »parler« – sprechen – ist eine Art Vorschlag zur Güte, den Leo/Steinbeis/Zorn am Ende ihres Buches machen. Sie schlagen vor, ein anderes Sprachspiel zu spielen. Sie plädieren für neue Regeln, sich in politicis zivilisiert diskursiv auszutauschen. Sie bemühen dafür das Institut des angeblich unter Piraten in Ehren gehaltene »Parley«: Das Recht, vor Outlaws – Piraten – unter deren Bedingungen zu reden. Ob es das je gegeben hat, ist zweifelhaft. In der Literatur (etwa bei Shakespeares ›Julius Caesar‹) und in der Populärkultur ist Parley durchaus prominent vertreten, so etwa in Tarantinos ›Django Unchained‹ oder aber im ersten Film der ›Pirates of the Caribbean‹-Reihe – dieser Streifen wird im Epilog des Buches als Zeuge angerufen: »Wer um Parley bittet, dem wird mitten im Konflikt das Recht gewährt, angehört zu werden, um über das weitere Vorgehen zu verhandeln. Es ist also, wie jedes Recht, eine zivilisatorische Errungenschaft.« (179) Keira Knightley in der Rolle der Elizabeth Swann nimmt dieses Recht – »the code« – in Anspruch. Und die Piraten quittieren ihr Begehr so: »I know the code« und kurz danach »We must honour the code«. Beide Aussagen fallen nach ca. 32 Minuten des Films. Die Verhandlung über Elizabeths Parley wenig später an Bord der »Black Pearl« – Capt. Barbossa dort fasst Parley nur als »guideline« auf – ist ein Musterstück an Gesprächstaktik. Auf »mit Rechten reden« umgelegt: Es geht darum, die Codes, die die Rechten verwenden, nicht nur zu kennen, sondern auch anzuerkennen in dem Sinn, dass sie von ihnen als Argumente eingesetzt werden; nicht in dem Sinn, dass man ihnen zustimmt. Die Piraten müssen dem Code/Codex zwangsläufig zustimmen, weil es ja ihrer ist. Für Elizabeth Swann ist das Beharren auf ihm lebensrettend. Auf die Redesituation übertragen bedeutete das, dass es natürlich hilfreich ist, die Codes der Rechten zu kennen (sie sind ja inzwischen auch sehr gut dokumentiert), aber auch eine andere, eine demokratische Weise des Miteinander-Sprechens zu etablieren und auf ihr zu bestehen.

Schluss

Um ganz zum Schluss noch einmal auf die eingangs erwähnte Leit-/Ariadne-Faden-Metapher zurückzukommen: Theseus tötete Minotaurus im Labyrinth, aus dem ihm abschließend Ariadnes Faden heraushalf. Es wäre nun verkehrt anzunehmen, dass die Rechten mit dem Minotauros gleichzusetzen sind, nur weil dieser ein Monster ist. Es ist anders: Nachdem Leser und Leserin ihren Zwiespalt bezüglich des Mit-Rechten-Redens überwunden haben (Minotauros ist ein Zwitterwesen), machen sie sich mit dem Buch auf den Weg zu dieser Konfrontation; das Mit-Rechten-Reden ist eben eine selbstgestellte Aufgabe. Wie man sich in ihr behaupten kann, sie meistern kann, zeigt dieses Buch, nicht mehr und nicht weniger. Wieder einmal geht es ums Sein-Können. The rest is up to you. »mit Rechten reden« ist ein bewundernswert leichtfüßig daherkommendes, grundgescheites, komplexes und zugleich ungemein witzig geschriebenes Werk. Alle sollten es lesen.

Die Autoren und ihr Buch

Per Leo

Maximilian Steinbeis

Daniel-Pascal Zorn

mit Rechten reden. Ein Leitfaden

Lektüre-Anregungen

Immanuel Kant: KpV

Immanuel Kant u.a.: Was ist Aufklärung?

Adolph Freiherr Knigge: Umgang

Im Zusammenhang hier auch interessant

Marie-Luisa Frick: Zivilisiert streiten. Zur Ethik der politischen Gegnerschaft.

Thomas Wagner: Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten.

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