»Logik für Demokraten«

Der Titel dieses Rezensionsessays ist identisch mit jenem des zu besprechenden Buchs. Das geschieht aus Respekt, denn – das Resümee sei hier vorweggenommen – es handelt sich um eines der besten Bücher, das der Rez. jemals gelesen hat. Es ist ein Philosophie-Buch, das, nimmt man den einen Teil des Titels, »Logik«, zunächst abschreckend wirkt, weil damit mitunter Assoziationen zu Formalismus, Formeln, Mathematik, Unverständlichkeit usw. verbunden sein mögen. Es ist ein Philosophie-Buch, das sich offenkundig mit politischer Philosophie befasst, weil das zweite (Haupt-)Wort des Titels »Demokraten«, mithin »Demokratie« ist. Auch das kann mitunter abschreckend wirken, weil sich ja – jedenfalls in Europa, aber nicht nur hier – so etwas wie eine Politikverdrossenheit breit gemacht hat. Ein Buch, das sich mit etwas zu beschäftigen scheint, dessen man eigentlich überdrüssig ist (obwohl man wahrscheinlich eh brav zu den Urnen schreitet), das kann natürlich auch deswegen nicht lesenswert sein, könnte man meinen. Und dann gibt es noch das »für« im Titel – »Logik FÜR Demokraten«. Dieses »für« richtet sich AN UNS ALLE, denn – wie der Autor auf Seite 12 schreibt – das Buch »ist eine Logik für Demokraten, d.h. für solche, die es mal waren, die es noch sind, oder die es (wieder) werden wollen«. Der Autor heißt Daniel-Pascal Zorn, er arbeitete als Philosoph u.a. an der Universität Eichstätt, wo er auch summa cum laude promovierte, er ist Kolumnist des Philosophie-Magazins »Hohe Luft«, und sein hier anzuzeigendes Buch ist im Frühjahr 2017 bei Klett-Cotta in Stuttgart erschienen. Es ist absolut lesenswert und gehört in jede Bibliothek.

Der Aufbau des Buchs

Daniel-Pascal Zorn teilt seine Überlegungen in drei große Teile, die selbst wiederum in lose und verschieden lange Kapitel geteilt sind. »Lose« bedeutet, dass sie nicht systematisch angeordnet sind in dem Sinn, dass das Buch einem vorgegebenen System folgt (wie man es sich vielleicht von einer »Logik« erwarten würde). Die Kapitel sind allerdings thematisch wohlgeordnet, was mit dem Untertitel des Buchs zusammenhängt: »Eine Anleitung«. Das ist der formale Kern und Witz dieser Publikation, nämlich dass Zorn hier eine Anleitung fürs demokratische Argumentieren gibt. Dazu sind zwei Dinge besonders wichtig zu wissen: Dass man die Einleitung sehr genau lesen und durchdenken sollte (S. 9–28); dass das Buch mit einem Glossar besonders beliebter Fehlschlüsse aufwartet (S. 287–303). Vor allem das Glossar ist außerordentlich hilfreich, und der Rez. gibt zu, die Lektüre des Buches hier begonnen zu haben. Der Grund dafür ist simpel und von Zorn gleich im allerersten Satz des Buches auf den Punkt gebracht: »Die deutsche Diskussionskultur ist in der Krise.« Gemeint ist natürlich die Diskussionskultur in Deutschland, aber man kann hier getrost »deutsch« als »deutschsprachig« verstehen, es ist nämlich in Österreich und in der Schweiz (Blocher) nicht anders, wie allenthalben zu Recht beklagt wird. Immer dann wenn man Diskussionen im Fernsehen, auf den Kommentarseiten der Zeitungen und vor allem in den unsäglichen »sozialen« Medien mitverfolgt, verstärkt sich dieser Eindruck. Oft genug hat man dabei ein Gefühl, das man vielleicht am besten mit »Da stimmt doch etwas nicht« ausdrücken kann. Was da nicht stimmt, beschreibt Zorn sehr genau – und nicht nur in besagtem Glossar.

Populistisch – totalitär – demokratisch

Die drei großen Teile des Buchs sind überschrieben mit »Populistisches Denken« (S. 31–98), »Totalitäres Denken« (S. 101–156) und »Demokratisches Denken« (S. 159–257). Man ahnt vielleicht, worauf das hinausläuft – wer würde ernsthaft für Populismus und Totalitarismus Partei ergreifen wollen, ein paar sattsam bekannte europäische Parteien ausgenommen? Und doch liegt man falsch, wenn man glaubt, es ginge Zorn bloß darum, einen Vergleich anzustellen. Hier kommt die Einleitung ins Spiel: Zorn macht eindringlich klar, dass es ihm nicht um moralisierenden Inhaltismus geht, der gleichsam von oben herab die politischen Diskursteilnehmer in Demokraten und Nicht-Demokraten einteilt. Es geht ihm vielmehr darum, »das, was im alltäglichen Sprechen ›populistisch‹ oder ›totalitär‹ genannt wird, als Argument ernst […] und es somit genauer unter die Lupe« (S. 13; Hervorh. Ross) zu nehmen. Das bedeutet, dass er dafür plädiert, zunächst das Inhaltliche und Formale (i.S.d. Formallogik) beiseite zu stellen, um der Dialektik als Logik der Gesprächsführung zur Geltung zu verhelfen. Die Dialektik in diesem Sinn ist die des Aristoteles, nicht die von Hegel, Marx oder anderen. Dazu zwei Zitate: »Blickt man also nicht auf die vielfältigen Rede-Inhalte darüber, was Logik ist, sondern sieht man sich ihre Rede-Praxis an, dann lassen sich Prinzipien gewinnen, die mit dieser Redepraxis zu tun haben: Sie sind Prinzipien der Rede, die diese verschiedenen Theorien als vorgebrachte Rede sind und insofern Prinzipien einer Logik, die sich mit dieser Redepraxis beschäftigt. Die Redepraxis, d.h. die konkrete Gesprächsführung, heißt auf Griechisch ›dialegesthai‹. Noch heute sprechen wir von einem Dialog, wenn zwei oder mehr Menschen miteinander ein Gespräch führen.« (S. 19; wenn nicht anders angegeben, dann stehen Hervorhebungen und spezielle Schreibweisen so im Buch) D.h. es geht nicht darum, dass der/die Gesprächspartner zufälligerweise oder weil er/sie persönlich (aufgrund welcher Ideologie auch immer) überzeugt ist/sind, meiner Rede, meinem Vorbringen und seinem Anspruch auf Geltung zustimmt/zustimmen, sondern es geht darum, dass es faktisch-empirische oder logische Gründe gibt, das zu tun: der Geltung zuzustimmen. An dieser Stelle das zweite Zitat: »Die Logik, die sich mit dem Geltenkönnen oder Nichtgeltenkönnen der Redepraxis auseinandersetzt, nennt man entsprechend Dialektik.« (Ebenda)

Die Einleitung lesen

Diese legt die Richtschnur von Zorns Buch, und Zorn macht sie fest an zwei Punkten, zwei Erkenntnissen, die seit zweieinhalb Jahrtausenden Geltung haben und nicht als »Meinung« irgendeines Theoretikers kleingeredet und abgetan werden können.*) Ausformuliert und reflektiert hat sie Aristoteles in seinen »Sophistischen Widerlegungen«**), beobachtet hat er sie an an der konkreten Rede- und Argumentationspraxis, sie sind in der Philosophie seit Anbeginn bekannt; Zitat Seite 19: »Die Dialektik, als Logik der konkreten Rede- und Argumentationspraxis, kennt zwei oberste Prinzipien: das Prinzip der ausgeschlossenen dogmatischen Setzung und das Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs bzw. Selbstwiderspruchs.« (Hervorh. Ross) Obwohl diese Prinzipien eigentlich sehr einfach zu verstehen sind und – so sollte man meinen – deswegen auch ohne weiteres beherzigt werden könnten, wird ihnen selten Genüge getan. Zorn wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass sie IMMER dann, wenn zwei (oder mehr) Menschen in einen Dialog treten, von BEIDEN Gesprächspartnern beansprucht werden, weswegen sie IN DER PRAXIS DES SPRECHENS zur Geltung gelangen. Bereits im Moment des Beginns eines Gesprächs gelten sie, das ist eine unausdrückliche und stillschweigende Übereinkunft der Gesprächspartner. Dies ist nicht deswegen so, weil Aristoteles das meint, sondern es ist wahrscheinlich das wichtigste Charakteristikum eines jeden Sprechens. Das ist womöglich eines der Motive, weswegen Zorn sein Buch geschrieben hat. Da die beiden Prinzipien zugleich aber auch von einiger Komplexität sind, muss man beim Nachdenken darüber doch auch einem gewissen Abstraktionsgrad Genüge tun. Dem Autor gelingt es auf beispielhafte Weise, diese Komplexität einfach und verständlich zu formulieren, ohne sie zu reduzieren (vgl. S. 20–26).

Teil 1, Populismus

Um nun zu den Hauptteilen des Buches zu wechseln: Zorn analysiert Grundstrukturen, Kernstrategien und Vermittlungstaktiken des populistischen und des totalitären Denkens. Ersteres zeichnet sich in seinem Anspruch, für alle (das ganze Volk) zu sprechen, dadurch aus, dass es diesen Alleinvertretungsanspruch nicht anders als dogmatisch setzen kann. »Dogmatische Setzung« ist allerdings einer der klassischen Fehlschlüsse (petitio principii): Sie »setzt die eigene Perspektive für alle anderen ohne deren Zustimmung in Geltung. Sie geht davon aus, dass alle anderen dieser Setzung zustimmen müssen oder ihr insgeheim schon zugestimmt haben. Wer eine dogmatische Setzung in Anspruch nimmt, der beansprucht damit also, anstelle aller anderen zu sprechen. Die eigenständige Stimme dieser anderen wird dadurch für den Dogmatiker wertlos. Sie besitzt für ihn nur noch insofern einen Wert, als er sie für die Bestätigung der eigenen verabsolutierten Sichtweise instrumentalisieren kann.« (S. 40) Worauf das hinausläuft, soll hier nicht eigens beschrieben werden, klar ist allerdings, dass so ein Anspruch nicht anders kann, als gesprächspraktische Prinzipien außer Acht zu lassen. Beispiele dafür gibt es momentan ja sehr viele: Von Viktor Orbáns menschenrechtswidriger Argumentation in der Flüchtlingsfrage über die Absichten der polnischen Partei PiS, die unabhängige Gerichtsbarkeit abhängig zu machen, bis zum destruktiven Alleinvertretungsanspruch Nicolás Maduros in Venezuela oder zur Situation in der Türkei. Hand in Hand mit solchen Debatten geht auch die Strategie der Selbstviktimisierung (S. 49–51): Populisten stilisieren sich gerne als Opfer, und wer Opfer ist, hat immer recht. Den Grund dafür lokalisiert Zorn in der (Gesprächs-)Logik; natürlich weiß er auch, dass es inhaltliche Gründe gibt, die eben der fast immer antidemokratischen Ideologie der Populisten geschuldet sind. Zorn schreibt: »Wer davon ausgeht, dass eine Behauptung schon deswegen richtig ist, weil viele oder alle ihm zustimmen (ohne einen weiteren Grund dafür zu geben), begeht einen Fehlschluss der Masse. Er heißt so, weil er sich auf die Autorität der Masse, eben: des Volkes beruft. Dieser Fehlschluss geht davon aus, dass die behauptete oder tatsächliche Zustimmung Vieler oder Aller die Geltung quasi verursacht. Weil diese Zustimmung nicht hinsichtlich ihres Grundes, sondern nur als Ursache der Geltung betrachtet wird, handelt es sich hier um einen genetischen Fehlschluss.« (S. 54) An dieser Stelle flicht Zorn etwas zur Erläuterung ein, das sein Buch durchgehend prägt: ein Gedankenexperiment – ein Gedankenexperiment, das einen Mann zum Thema hat, der von einem Kind befragt wird, das seine Begründung für die Behauptung, er kenne die Wahrheit – »Weil ich es sage« (S. 55) –, nicht anerkennen will. Auf der Basis dieses Experiments zeigt der Autor in diesem Teil des Buches, wie und warum der Weg der Populisten zwangsläufig zum Totalitarismus führt.

Teil 2, Totalitarismus

Der Teil, der dem totalitären Denken gewidmet ist, setzt nach ein paar Seiten mit der provokanten Aufforderung »Denken Sie totalitär!« (S. 105) ein, um in weiterer Folge ein ebenso aufregendes wie instruktives anthropologisches Gedankenexperiment durchzuführen, in dem es, grob gesprochen, um den Welt- und Selbstbezug geht, abgehandelt am Beispiel von Jägern, Sammlern und Bauern einer fiktiven frühgeschichtlichen Gesellschaft. Das ist äußerst lesenswert und soll deswegen in seiner Qualität durch eine unzulängliche Kurzfassung nicht gemindert werden. Wichtig ist aber folgende Passage, die Zorn quasi als Zwischenergebnis nach diesem Experiment gibt (S. 127): »So richtet der Mensch seine Aufmerksamkeit auf sich selbst, auf das, was er tut, wenn er sich auf etwas bezieht, etwas bearbeitet, etwas erzeugt. Er begreift sich selbst als den, der kann. Und weil das alle Menschen betrifft, egal was sie tun, haben alle Menschen zumindest das gemeinsam: sie können.« Diese wenigen, folgenschweren Sätze markieren formal die genaue Mitte des Buches und auch inhaltlich: ich bin der, der kann; du bist der/die, der/die kann. Es geht letztlich ums »Sein-Können«.

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass Zorns Buch nicht ein Ratgeber unter vielen Ratgebern ist, sondern ein Philosophie-Buch. Mehr dazu im übernächsten Absatz. Zuvor noch dies zum Totalitarismus-Teil: Im Gedankenexperiment sind es die Jäger, die sich totalitär verhalten, nicht zuletzt deswegen, weil sie Waffen tragen. Sie fühlen sich als die Stärkeren und mithin kulturellen Errungenschaften gegenüber als überlegen. Hier bringt Zorn das bekannte Lenzerheide-Fragment***) von Nietzsche ins Spiel, das er eingehend interpretiert, weil es ihm um den Zusammenhang von Recht und Kultur geht; Zorn schreibt: »Die Stärkeren berufen sich auf ihre Natur, ihr ›Recht des Stärkeren‹. Damit aber berufen sie sich, wie auch immer, auf ein Recht, d.h. eine kulturelle Leistung.« (S. 131) Der sich in seiner totalitären Argumentationsstrategie so stark Wähnende nimmt genau das für sich in Anspruch, was er bekämpfen oder gar vernichten will: eine Kulturleistung. Es sollte nicht schwer fallen, hier an Donald Trump zu denken.

Noch zwei abschließende Zitate aus dem Buch, bevor in aller Kürze Zorns Idee des Sein-Könnens dargestellt werden soll. Der Autor schreibt auf Seite 144: »Ein totalitärer Denker geht von einer bestimmten Auslegung der Welt und seiner selbst aus und verabsolutiert sie. Das bedeutet, er tut so, als gäbe es nur sein eigenes Verständnis und sonst keines. Schlimmer noch: Er geht davon aus, dass auch alle anderen von seinem eigenen Verständnis ausgehen, einfach weil sie es müssen. Sie müssen es, weil er davon ausgeht.« Dieses Müssen hat etwas von einer Naturnotwendigkeit, der totalitär Denkende und Argumentierende setzt sich sozusagen an die Stelle der Natur und beansprucht, »an der Stelle aller anderen zu sprechen« (ebenda). Was ihm so als allumfassend erscheint, ist in Wirklichkeit einschränkend, daher das zweite Zitat (S. 145): »Seine [i.e. des Totalitären] Voraussetzungen sind viel enger als unsere. Entsprechend oft wird er mit der Infragestellung dieser Voraussetzungen konfrontiert.« Aus seiner Sicht gibt es dann nur ein Entweder-Oder i.S.v. ›Wer nicht für mich ist, ist gegen mich‹, und das ist klarerweise eine Argumentationsstrategie, die alles andere als Demokratie im Sinn hat.

Teil 3, Demokratie

Im Buch kommt nun die Demokratie ins Spiel, im erwähnten dritten Teil. Diese knapp 100 Seiten zählen zum Besten, das in den vergangenen Jahren in der deutschsprachigen Philosophie veröffentlicht wurde. Der Rez. gesteht freimütig, dass er sich nicht imstande fühlt, das erklärend und zusammenfassend wiederzugeben, ohne dem Text Gewalt anzutun. Deshalb sei abschließend kurz Zorns Konzept des Sein-Könnens dargestellt, weil es für den Demokratie-Teil seines Buches wesentlich ist.

(1) Sein-Können geht über das hinaus, was eines der ältesten Themen der Philosophie ist, nämlich das Sein. Sein ist nicht bloß etwas, das anwesend ist, da ist, sondern in seinem Da-Sein trägt es ein Noch-Nicht in sich. Ein Mensch ist zwar, wie er ist, er ist da, aber kann sich auch zu etwas anderem entwickeln, hat sich jedenfalls und unleugbar zum demjenigen entwickelt, der er nun ist – der Mensch kann auch sein: Sein-Können nicht nur hier und jetzt, sondern auch in Zukunft. Ein Denkfehler des dogmatischen Denkens besteht darin, dass »es Sein-Können auf Sein reduziert. Denn die Tatsache, dass der Andere auf bestimmte Weise ist, bedeutet nur, dass er auf diese Weise sein kann. Der Andere ist eben kein Tier und kein Gegenstand. Er kann sein, wie wir sein können.« (S. 136)

(2) Totalitäre sind ebenso wie Populisten Dogmatiker. Sie erheben einen Allanspruch und akzeptieren keinen Widerspruch. Sie beanspruchen, über alles zu bestimmen, also auch über den Anderen, und so machen sie ihn »vom Sein-Können zum Sein« (Zorn, S. 168); und weiter: Wir können »uns zwar zum Mittelpunkt der Welt machen […]. Aber wir müssen es nicht. Denn wenn wir etwas können, dann können wir auch anderes. Indem wir unsere Voraussetzungen reflektieren, entdecken wir nicht nur den Widerspruch, sondern wir können ihn auch auflösen.« (S. 169) Dogmatiker bringen das nicht zuwege, sie wollen einfach nicht. Es ist nicht der Dogmatiker als Mensch, der das Problem erzeugt, sondern der Allanspruch, den er erhebt.

(3) Es gibt aber auch moralische und juristische Normen, etwa die Menschenrechte (die ja von Populisten und Dogmatikern sehr gerne in ihrer Geltung relativiert, wenn nicht gar beschnitten werden wollen), die einen Allanspruch bzw. Allgeltungsanspruch erheben. Zorn erwähnt sie nicht explizit, aber als Beispiel liegen sie nahe. Warum sollten wir uns für sie und nicht etwas anderes entscheiden? Geht es dabei um Moral? Ist die Begründung für die Gültigkeit der Menschenrechte nicht ein Zirkelargument – und somit einer der von Zorn geschilderten Fehlschlüsse (à la ›Die Würde des Menschen ist unantastbar, weil die Würde des Menschen unantastbar ist‹)? Soll man sich gegen die Menschenrechte entscheiden oder für sie? Zorn dazu ganz allgemein (wie gesagt, die Menschenrechte kommen an dieser Stelle nicht vor): Das Kriterium »für diese Entscheidung ist kein moralisches, sondern ein logisches. Es basiert nicht auf einer Überzeugung, sondern auf einer einfachen Einsicht. Die eine Alternative widerspricht sich selbst und die andere tut es nicht. Das Kriterium für […] die Anerkennung des Sein-Könnens des Anderen ist also der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch. Und das ist bei weitem kein bloß formalistisches Kriterium.«

Gegen den Moralismus der Inhaltisten

Es geht also nicht um Moral, sondern ums Sein-Können im Gespräch, in dem das, was man dem anderen argumentativ mitteilt, den Anspruch auf Geltung erhebt, womit eben auch der Anspruch auf die tätige Anerkennung des eigenen Sein-Könnens einhergeht. Das ist eine genuin demokratische Grundierung, die Zorn so formuliert: »Aber um Geltung zu beanspruchen, um andere zur Zustimmung zu unserer Weltsicht zu bewegen, müssen wir diese Weltsicht in eine Rede fassen. Wir müssen Behauptungen aufstellen und den anderen sagen, warum sie uns zustimmen sollen. Das alles müssen wir nicht, weil irgendeine dogmatisch aufgestellte Norm es uns befiehlt. Wir müssen es, weil das, was wir sagen[,] und das, was wir tun, sonst für alle sichtbar nicht zusammenpasst. Wenn wir behaupten, dass unsere Rede gerechtfertigt ist, obwohl wir sie nicht rechtfertigen können, dann widersprechen wir uns selbst.« (S. 173) – Es ist deutlich zu sehen, dass Zorn hier nicht inhaltistisch argumentiert, was umgekehrt aber nicht gleichzeitig bedeutet, dass ihm politische Inhalte gleichgültig sind. Das Gegenteil ist der Fall, man muss halt nur das ganze Buch möglichst genau lesen. Es geht ihm um die Art und Weise des Miteinander-Sprechens, des Argumentierens.

Schluss

Spätestens an dieser Stelle mag sich beim Lesen die Frage erheben: Was tun? Wie tun? Wie soll ich, der ich Demokrat bin, mit offensichtlich populistischen und/oder totalitären Gesprächspartnern umgehen? Zorn weiß natürlich, dass es letztlich darauf ankommt, sich diskursiv zu behaupten, und so beschließt er sein Buch mit dem Kapitel »›Wo aber das Rettende ist, wächst die Gefahr auch‹« – eine Anspielung auf die einschlägig bekannte Hölderlin-Hymne »Patmos«****). Nun, Zorn ist konsequent, er gibt kein Rezept. Ein Gespräch führen ist nicht kochen. Und hier (S. 251–257) spricht er seine Leserinnen und Leser direkt an und überantwortet es ihnen, aus seinen konzise dargelegten und überaus praxisnahen Überlegungen etwas zu machen: »Demokratisches Handeln und Denken hat nur Bedeutung, wenn es immer wieder eingeübt wird. Demokratie ist eine Praxis, die auf dem gemeinsamen Gespräch basiert. Wer über Demokratie spricht, muss sich an dieser Praxis messen lassen.« (S. 251f.) Dem ist nichts hinzuzufügen – außer eine andere praxisnahe Überlegung, die auf einer Beobachtung gründet: Was tun, wenn das argumentierende Gegenüber weiterhin beharrlich populistisch, totalitär, mithin dogmatisch argumentiert? Sowas passiert im TV ja täglich, und es passiert nach dem Motto »Irgendwas wird schon hängen bleiben«, weil es ja hauptsächlich darum geht, die ›Message‹ an Wähler und Wählerin zu bringen. Damit soll gesagt sein: Sie werden nicht aufhören damit, sie machen es trotzdem – »sie« das sind u.a.: AfD, CSU, FPÖ, ÖVP, Blocher, Le Pen, Orban, die PiS, Erdogan, Maduro, Trump und wie sie alle heißen. Wie gegen dieses »trotzdem« ankämpfen? Kann die in Zorns Buch entfaltete Dia-Logik dabei helfen? Das ist die einzige Frage, die an dieses hervorragend konzipierte und geschriebene, absolut überzeugende Buch bzw. an seinen Autor noch zu richten wäre. Der Rez. ist bewusst, dass sie am Kern des Buches vorbeizielt, weil es in ihr ja um Medien, Medienmacht usw. geht. Trotzdem erscheint sie gerechtfertigt, und sie ist ansatzweise an anderer Stelle rudimentär erörtert worden.

Für Daniel-Pascal Zorns Buch »Logik für Demokraten«, das zweifellos als großer Wurf zu bezeichnen ist, hält das Englische das schöne Wort »pageturner« parat. Was Besseres lässt sich von einem Buch sagen, als dass es einen nicht loslässt?

Anmerkungen

*) Daniel-Pascal Zorn ist für seine kundigen Bezugnahmen auf die europäische philosophische Tradition herzlich zu danken. Geht es um die Diskussion solcher Gedanken, wird dem Rez. gelegentlich das Ressentiment übermittelt »Geh, du und deine alten Philosophen …«. Nun ja, wir Nachgeborenen sind wohl nicht dafür verantwortlich zu machen, dass das Meiste schlicht stimmt, was Platon, Aristoteles, Cicero, Augustinus, und wie sie alle heißen, beobachtet und aufgeschrieben haben. Vieles von dem, das momentan in Sachen Theorie und Philosophie als neuester heißer Scheiß ausgegeben wird, kann nicht ansatzweise mit dem mithalten, was man immer noch auf Altgriechisch lesen kann. Man muss halt schon auch wollen (es gibt Übersetzungen), und man muss halt schon auch die Differenz zwischen dóxa (aus diesem Begriff übrigens ist indirekt »Dogmatismus« abgeleitet) und alétheia bzw. epistéme zur Kenntnis nehmen, auf die bereits Parmenides aufmerksam gemacht hat, auch so ein »alter Philosoph« ;-) Parmenides’ Fragmente sind übrigens vor kurzem von Helmuth Vetter neu übersetzt, kommentiert und herausgegeben worden: Parmenides, Sein und Welt, Verlag Karl Alber: Freiburg/München 2016. Auch ein tolles Buch.

**) Aristoteles: Sophistische Widerlegungen (hg. u. übers. v. Eugen Rolfes), Leipzig: Felix Meiner 1918 (= Philosophische Bibliothek 18).

***) Friedrich Nietzsche: Der europäische Nihilismus. Lenzer Heide den 10. Juni 1887, KGW VIII-1, 5 [71], S. 215–221.

****) Friedrich Hölderlin: Patmos, in: Ders: Werke (Sonderausgabe Tempel Klassiker, Band I), Emil Vollmer Verlag: Wiesbaden o.J., S. 328.

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