Ich glaub das trotzdem

Seit einiger Zeit – spätestens seit die USA einen/diesen neuen Präsidenten haben – denkt man allenthalben über Wahrheit und Lüge nach, über Orientierung und alternative Fakten, über Macht und Ohnmacht, über Verschwörung und Geheimwissen und – besonders gerne – über Narzissmuss und narzisstische Störungen oder Ähnliches. All das mag zum Großteil durchaus berechtigt sein, also das Nachdenken darüber sei berechtigt. Das Problem dabei ist nur, dass das öffentliche Nachdenken darüber bislang kaum ein vernünftiges Ergebnis hervorgebracht hat. »Vernünftig« soll in diesem Fall heißen: Das Nachdenken bringt dich/mich auf einen Weg, um diese problematischen Phänomene nicht nur zu verstehen, sondern auch um sie zunächst privatim derart zu bewältigen, dass dann im Anschluss eine allgemeine und öffentliche, vor allem politische Debatte darüber möglich wird.

Fast alles, was der veröffentlichten Meinung diesbezüglich zu entnehmen ist, ist von oben herab betrachtet und geschrieben, also quasi »top down«, um das einmal in Technokratensprache auszudrücken. Zudem scheint es in der Debatte einen Trend zum »Verpsycheln« zu geben, wie man es nennen könnte. Mit Verpsycheln ist gemeint, gewisse Ereignisse, Phänomene, Handlungen und Ähnliches, die auf welche Weise auch immer öffentlich werden, aus der Ferne ausschließlich psychologisch zu interpretieren, um anschließend so seine unmittelbare persönliche Betroffenheit und vor allem Sensibilität (Wer ist nicht gerne sensibel?) zu beweisen. Der vermeintliche Vorteil dieser Diskurshaltung ist, dass man nie den Wahrheitsbeweis antreten muss, denn – und das ist wesentlich – man war ja nicht dabei. Und trotzdem ist man sicher, authentische Aussagen über das ferne Phänomen treffen zu können. Authentizität rules – aber wer behauptet sie?! Man hat also eine feste Meinung, zeigt damit, dass man sozusagen auf der Höhe der Zeit ist, aber ob das alles wirklich so war … was kümmert’s mich. So kommen dann Meinungen zustande, die gewisse Ereignisse als Ergebnis von Handlungen einer gekränkten Person, oder einer narzisstisch gestörten Person, oder einer manisch-depressiven Person, oder einer Person mit einem krankhaften Aufmerksamkeitsdefizit oder was auch immer erklären wollen. Dass man mit so einer Vorgangsweise folgerichtig bereit ist, etwa verbrecherische Handlungen gegebenenfalls zu verniedlichen, indem man ihre Motive in eine deformierte Psyche verlegt, also letztlich eine Art Naturnotwendigkeit oder natürliche Urkraft (Was kann man schon gegen das Zustandekommen eines Erdbebens tun?) am zerstörerischen Werk dieser Psyche sieht, wird gerne beiseite gelassen. Man will ja nicht zugeben, dass man im Grunde keinen blassen Schimmer von dem hat, was man bereitwillig pseudowissend von sich gegeben hat. Und gerade das zeigt, dass verpsychelnde Interpretinnen und Interpreten ein ungeklärtes, wenn nicht sogar unreflektiertes Verhältnis zu Wahrheit und Lüge haben. Die autoritär-diktatorischen Politiken der letzten Jahre und Jahrzehnte (Kaczynski, Le Pen, Lukaschenko, Orban, Strache/Hofer, Trump, Wilders u.a.) setzen mit ihren unerträglichen antidemokratischen Bestrebungen genau auf diese Schwäche des politischen Diskurses. Das macht sie stark. Sie setzen auf die Lüge, weil sie sehen, dass man eh nicht genau weiß, was wahr und was gelogen ist. Das ist ein Problem.

Es ist nicht leicht, eine Antwort zu finden, die dieses Problem löst. Es sollte aber durchaus machbar sein, genau auf den Alltag zu achten, der uns umgibt; auf den Alltag, in dem wir leben. Es könnte sein, dass es dieser Alltag ist, der einen Weg zur Antwort darauf weist. Also, es ginge darum, eine Art »bottom up«-Verständnis zu entwickeln (an dieser Stelle ein letztes Mal Technokratensprache), sich den Widerfahrnissen der Erfahrungen auszusetzen, ihr So-Sein zu verstehen und für sich zu deuten. Was solche Widerfahrnisse sein könnten, mögen die folgenden vier Erlebnisse zeigen. Im Anschluss daran sei eine Zusammenschau samt Ausblick versucht.

1) Ich glaub das trotzdem

Da war der Wiener Taxifahrer Ende Mai 2016. Es ist die Woche nach der ersten Stichwahl anlässlich der Wahl zum Bundespräsidenten Österreichs. Alexander Van der Bellen hat sie gewonnen, knapp vor Norbert Hofer, aber sie musste wiederholt werden, weil es in einzelnen Wahlkreisen bei der Auszählung vor allem der via Briefwahl versandten Wahlkarten zu Vorgängen kam, die nicht verfassungsgemäß waren. Das Radio im Taxi berichtet gerade davon. Der Taxifahrer ist sichtlich und hörbar erregt: »Ich glaub das nicht. Glauben Sie das?« – Gast: »Was soll ich glauben?« – »Na, dass der Hofer verloren hat.« – »Aber so ist das Ergebnis.« – »Trotzdem, der hat für mich gewonnen, der Hofer. Das mit dem Schummeln in den Wahllokalen war doch eine Absicht von den Grünen.« – »Wie kommen Sie darauf? Waren Sie dabei?« – »Natürlich nicht.« – »Ich auch nicht. Wenn ich nicht dabei war, dann kann ich auch weder behaupten, dass geschummelt wurde, noch dass das eine Absicht der Grünen war, noch dass nicht geschummelt wurde.« Er schweigt. Und dann seine Antwort: »Ich glaub das trotzdem.«

2) Der Bürger entscheidet

Stichwort Hofer: Im Rahmen dieses vom Taxifahrer erwähnten Wahlkampfs wurde der Kandidat Norbert Hofer am Ende eines TV-Interviews (»Pressestunde«, live in ORF 1 am 10. April 2016, interviewt von: Patrica Pawlicki [ORF Hohes Haus]; Klaus Hoffmann [Chrefredakteur Kronen Zeitung]) zu einer Handlung befragt, die er am 6. September 2013 im österreichischen Parlament als Nationalratsabgeordneter gesetzt hat – nämlich zu einer parlamentarischen Anfrage (erneut; denn bereits im Jahr 2009 hatte er die Regierung im Parlament Gleichlautendes gefragt). In dieser Anfrage wollte er von der Regierung wissen, was sie – vereinfacht gesagt – gegen die Kondensstreifen, die Düsenflugzeuge im österreichischen Luftraum hinterlassen, zu tun gedenke; diese Kondensstreifen seien (gesundheits-)gefährdend. Hofer bezog sich dabei auf die bekannte Verschwörungstheorie bezüglich der sog. »Chemtrails«, die angeblich Gift, Krankheitskeime, Scheiße oder sonstwas über dem jeweiligen Staatsgebiet eben via Düsentriebwerke ablassen würden, um die am Boden befindlichen Menschen zu schädigen oder sonstwie zu beeinflussen. Schon lange weiß man, dass dieses Phantasma eine Konstruktion ist, etabliert von vermutlich antisemitischen Personen (»natürlich« sei da eine jüdische Weltverschwörung im Gange, so kann man in einschlägigen Diskussionszirkeln lesen), und dass es jeder Grundlage entbehrt. Frau Pawlicki nahm mit ihren Fragen an Herrn Hofer darauf Bezug, weil es doch irritierend sei, dass ein Nationalratsabgeordneter eine auf dieser Erfindung gründende Idee im Parlament ernsthaft beantwortet haben wollte. Hofer gab zu verstehen, dass er diesen Humbug nicht glaube (klar formuliert war seine diesbezügliche Aussage allerdings nicht), und er hat darüber hinaus versucht, sich wahlkampfbedingt als Demokrat zu inszenieren – »… notwendig, Anfragen einzubringen …«, sagte er, und: »… nicht davon abbringen, auch Anfragen für Bürger einzubringen …«, und so weiter. Sein Resümee: »Ob Anfragen Sinn machen oder nicht, das muss der Bürger entscheiden.« Die Frage, warum man dann noch Abgeordnete zum Nationalrat brauche, konnte die Moderatorin wohl aus Zeitgründen nicht mehr stellen. Allen gegenteiligen Evidenzen zum Trotz hat Herr Hofer das Chemtrailphantasma in die demokratische Diskussion eingebracht. Die Interviewsendung war dann übrigens zu Ende. An dieser Stelle sei abschließend auf das ebenso amüsante wie präzise Buch »Bullshit« verwiesen, das der Princetoner Philosoph Harry G. Frankfurt im Suhrkamp Verlag herausgebracht hat (übers. v. Michael Bischoff; suhrkamp taschenbuch 4490).

3) Der lebt noch

Da war wieder ein Wiener Taxifahrer, diesmal Ende Dezember 2016. Es ist die Woche vor Weihnachten, die Tage nach dem Lkw-Attentat auf den Berliner Adventmarkt, noch genauer: der Tag, an dem bekannt wurde, dass in Mailand der mutmaßliche Attentäter Anis Amri von der Polizei erschossen wurde. Das Radio im Taxi berichtet gerade davon. Der Taxifahrer ist sichtlich und hörbar erregt: »Ich glaub das nicht. Glauben Sie das?« – Ich: »Was soll ich glauben?« – »Na, dass die den erschossen haben.« – »Aber so wird berichtet.« – »Trotzdem, das kann nicht sein, die lügen ja. Der lebt noch.« – »Woher wissen Sie das? Waren Sie dabei?« – »Natürlich nicht.« – »Ich auch nicht. Wenn ich nicht dabei war, dann kann ich auch weder behaupten, dass sie ihn erschossen haben, noch dass sie ihn nicht erschossen haben.« Er schweigt. Und dann die Antwort: »Ich glaub das trotzdem. Der lebt noch.«

4) Jetzt wisst ihr es

Bei einer familiären Zusammenkunft im Jahr 2016 hat ein frommer junger »höflicher« Mann allen Anwesenden ein kleines Faltblatt gegeben. Herausgegeben wurde dieses Blatt von einer offenbar in den Niederlanden gegründeten, römisch-katholischen Initiative »de Frouwe van alle Volkeren«, die, wie es scheint, von einem Tiroler Prediger Pater Sigl (der in Verbindung mit dem katholisch-ultrareaktionären und nationalkonservativen »Radio Maria« steht. Google ist dein Freund) angeführt zu sein scheint. Auf diesem Blatt ist nebst einigen Erläuterungen ein »Gebet« genannter Text zu lesen, der Weltfrieden bewirken soll, nein: bewirken wird, sobald man ihn betet, weil die Mutter Jesu, Maria, die »Frau aller Völker sei«. Der fromme junge Mann hat bei dieser Zusammenkunft verlangt, dieses »Gebet« zu beten, denn dann würde eben Weltfrieden herrschen, weil der Weltfrieden ja in unserer Verantwortung läge, in der Verantwortung jedes Einzelnen. Einige Anwesende fühlten sich brüskiert durch dieses Verlangen, vor allem durch den, wie sie überzeugt waren, Unsinnsgehalt des Texts auf dem Blatt, durch die penetrierende Missionshaltung des frommen jungen Mannes und durch seine verletzende Weltfremdheit. Es kam zu einer Debatte, Streit konnte gerade noch abgewendet werden, weil sich die Anwesenden wegen der Privatheit der Zusammenkunft den jeweils Anderen emotional und moralisch verpflichtet fühlten und keinerlei Verletzungen beabsichtigten.

Während der Debatte lautete die Argumentationsstrategie des frommen jungen »höflichen« Mannes so: Er: »Habt ihr gewusst, dass Maria die Mutter aller Völker ist?« Die Anwesenden: »Nein, wir glauben das nicht.« Er: »Seht ihr, ihr braucht es nicht zu glauben, denn jetzt wisst ihr es trotzdem, ich habe es euch nämlich gerade eben gesagt.« Diese »Argumentations«-Figur erinnert fatal an jene Richard Nixons aus dem Jahr 1973 (Pressekonferenz Mitte November), mit der er sich unsterblich blamiert hat: »People have got to know whether or not their president is a crook. Well, I’m not a crook.« Seine Sage / sein Gesagt-haben genügt dem Frommen offenbar, um seine Behauptung »wahr« zu machen, womit er seine missionarische Absicht legitimiert. Er ist währenddessen stets höflich gewesen, so eine künstlich/gekünstelte Höflichkeit bringt auch Barbies Ken zustande – und der Pater Sigl (siehe oben) sowieso, wie die Tageszeitung »Die Welt« in einem Bericht von einer Missionsshow der oben erwähnten Gruppe überliefert. Dass man diese Gruppe nicht als Sekte verharmlosen kann und sollte, zeigt die aktive Anwesenheit des deutschen Kardinals Meisner bei diesem Treffen, wie die Zeitung berichtet; Meisner, auch so ein »Höflicher«. Derlei »Höflichkeit« zeigen in der Regel alternativmoralisch geprägte Persönlichkeiten, die ein zu ihrem ich-haften Vorteil eingenommenes strategisches Verhältnis zur Wahrheit haben (Ähnliches hat man übrigens der Cosa Nostra, der Baader-Meinhof-Gruppe und der Al-Kaida zu Recht vorgeworfen; was haben diese drei wohl gemeinsam?), das im Grunde sehr leicht erkannt werden kann, weil sie es so bereitwillig und offensichtlich vor sich hertragen. Wahrscheinlich glauben sie, dass sie deswegen ehrlich sind, also bei der Mafia ist das sicher so; kaum wer ist »ehrlicher« als ein Mafioso, ein Godfather. Wie auch immer: Diese Höflichkeit war vollständig unglaubwürdig, weil der fromme junge Mann, der die biblische Figur Maria idealisiert, seine latente Aggression nur sehr schlecht unterdrücken konnte, was alle Verständigen dieses Treffens unschwer erkennen konnten. Es ging ihm einfach darum, mit seiner Mission Macht über die Anderen zu erlangen. Womöglich musste er dem Pater Sigl über seinen »Erfolg« berichten. Aber das ist Spekulation. Nebenbei: Von Papst Franzikus ist folgende Aussage überliefert: »Wir dürfen nicht vergessen, dass die Idealisierung eines Menschen stets auch eine unterschwellige Art der Aggression ist.« – Klar, dass der Papst bei den antihumanistischen Klerikalen nicht gerade beliebt ist.

Zusammenschau und Ausblick

All diese geschilderten Ereignisse haben gemeinsam, dass da jeweils ein Mensch eine Situation, aus der der Adressat der Botschaft nicht so einfach rauskann, ausnützt, um eine Unwahrheit oder eine mehr oder weniger gut erfundene Fiktion anzubringen. Man treibt den Adressaten, der eigentlich etwas ganz anderes will (z.B. sicher nach Hause kommen; mit der Familie Spaß haben), absichtlich in eine konstruierte moralische Enge. – Egal, was die Tatsachen sind oder sagen: Man behauptet stets ihr Gegenteil. Natürlich behauptet man das nicht, indem man argumentiert; argumentieren wäre ja nicht möglich. Möglicherweise ist Argumentieren auch Sünde. Aber man tut es trotzdem, indem man das, was Sache ist, einfach durch dessen Leugnung ersetzt.

Wer glaubt, man könne sich solchen Zumutungen durch Flucht oder Nichtanwesenheit entziehen, der möge einmal versuchen, aus einem fahrenden Taxi auszusteigen. Die Fernsehsendung »Pressestunde«, in der Hofer zu seinen Chemtrails-Anfragen befragt wurde, ist eine Live-Sendung, man kann da also als Frau Pawlicki währenddessen nicht beliebig etwas wegschneiden; obendrein hat sie ja die Frage gestellt (womit Hofer ganz offensichtlich gerechnet hat). Auch hier kann man also nicht raus aus der Situation. Und bei dem familiären Treffen mit dem Frommen ist es eben ein familiäres Treffen, also man geht davon aus, dass man die Personen, denen man auf diese Art verbunden ist (Gegen Verwandtsein kann man ja nichts tun; wer wollte das auch?), wahrscheinlich wiedersehen wird. Und was dann? – Wie man es dreht und wendet: In allen Fällen handelt es sich um eine mehr oder weniger ausgeprägte Erpressungssituation. Im Verwandtschaftsfall ist es eine unausgesprochene emotionale Erpressung. Wenn ein Mensch einen anderen (oder andere) erpresst, dann hat er Macht über ihn (oder sie). Und genau das scheint es zu sein, worum es geht: Macht über den Anderen zu bekommen, damit man sich selbst gutfühlt. Der Andere soll durch die permanente Behauptung von Unwahrem die Orientierung verlieren, damit man ihm zeigen kann, wo es langgeht. Allerdings – organisiertes Lügen zerstört die Grundlagen jeglichen Zusammenlebens. Niemand hat das so klar gesehen wie Hannah Arendt:

»Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, daß es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, daß die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern daß der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird. Konsequentes Lügen ist im wahrsten Sinne des Wortes bodenlos und stürzt Menschen ins Bodenlose, ohne je imstande zu sein, einen anderen Boden, auf dem Menschen stehen könnten, zu errichten.« (Hannah Arendt: Wahrheit und Politik, in dies.: Wahrheit und Lüge in der Politik, Piper: Berlin/München 2015, S. 83.) Und an früherer Stelle im selben Text schreibt Arendt: »Was hier auf dem Spiel steht, ist die faktische Wirklichkeit selbst, und dies ist in der Tat ein politisches Problem allererster Ordnung.« (Arendt, ebd. S. 55.)

Was Hannah Arendt hier »Tatsachen« nennt, geistert derzeit als »Fakten« durch die nicht nur politischen Diskurse und Gazetten. Aber man darf sich nicht täuschen: Fakten sind einfach da, sonst tun sie nichts; sie können nicht sprechen, sie sprechen auch nicht für sich, wie immer wieder behauptet wird – und die, die das behaupten, kommen sich dabei wahnsinnig cool und kritisch vor. Fakt ist: Wer über Fakten berichtet, interpretiert sie bereits. Und hier wäre der Ansatzpunkt, um all jenem entgegenzutreten, das »trotzdem geglaubt« wird:

Erstens, man legt die im »Bereich des Wirklichen« (Arendt) gegründeten Argumente für die Interpretation des Faktischen – was immer es auch sein mag – offen; und zweitens, man nehme das »TrotzDEM« ernst und frage: »Trotz WAS«? Denn wenn jemand sagt, er oder sie sage/tue etwas »trotz dem«, dann hat er oder sie bereits etwas von »dem« verstanden; sonst könnte man dem zum Trotz nichts tun, sonst könnte man sich nicht dagegen richten. Das heißt, er oder sie hat nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch akzeptiert, dass es dieses »Das« gibt. Dieses »Das« wäre dann für ihn oder sie ein Faktum, ganz im Sinne der Tatsachen, von denen Hannah Arendt in ihrem Text spricht. Es geht also nicht darum, die im oben skizzierten Glauben manifeste Unsicherheit und Orientierungslosigkeit durch Wissen auszuhebeln oder lächerlich zu machen (die Verführung, das zu tun, ist wahrlich groß; die Atheisten sind ihr erlegen), sondern es geht darum, durch Transparenz des eigenen Fühlens und Denkens und durch respektierendes Nachfragen zu zeigen: Orientierung bekommt man anderswo. Orientierung – sol oriens (= die aufgehende Sonne) – Osten – Sonne – Licht – Aufklärung – Bildung … Das Leben jedes einzelnen Menschen sollte auch darauf ausgerichtet sein, zu erkennen, dass es um Bildung geht: Das heißt in erster Linie nicht »glauben« oder »wissen« oder sonstwas; es heißt »handeln«. Wer handelt, tut etwas. Im Ideal- und Normalfall geschieht dieses Handeln gemeinsam mit anderen Menschen. Immanuel Kant hat seinen Kategorischen Imperativ nicht einfach aus Jux und Tollerei formuliert. Der Boden, auf dem sich das Handeln vollzieht, ist das Wahre; das, worauf Licht fällt. Und nichts anderes.

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