Zu meiner Musikaufnahme des Shel-Silverstein-Songs »25 Minutes To Go«

»25 Minutes To Go« ist ein 1962 als Lied veröffentlichtes Gedicht des US-amerikanischen Dichters und Sängers Shel Silverstein (1930–1999). Es ist ein Abzählreim-Gedicht (hier ein PDF mit dem Text), das die Gedanken eines zum Tod verurteilten Gefängnisinsassen aus der Ich-Perspektive reflektiert. Der im Gedicht namenlose zum Tod verurteilte Mensch hat nur noch 25 Minuten zu leben und zählt diese letzten Minuten seines Lebens herunter. Er befindet sich, wie man in den USA sagt, »in death row«, in der Todeszelle. Populär geworden ist dieses Gedicht durch eines der Gefängnis-Konzerte, die Johnny Cash gegeben hat: Live at Folsom Prison; 1968 bei Columbia Records als Langspielplatte erschienen. Shel Silverstein selbst hat sein Gedicht, sein Lied 1962 auf seiner zweiten Langspielplatte »Inside Folk Songs« veröffentlicht (LP Atlantic Records). Angesichts der berühmten und besonders feinfühligen Interpretation von Johnny Cash bei seinem Gefängnis-Konzert fällt es schwer, dies hier zu schreiben: Die Originalaufnahme Shel Silversteins ist so groß und so einzigartig, dass alle anderen Interpretationen neben ihr verblassen! Sie hat die Wucht eines Bach’schen Chorals, eines Schubert-Liedes, eines 12-Bar-Blues. Es ist unverständlich, dass sie unbekannt geblieben und auch nicht auf Youtube zu finden ist. Ja, und das Gedicht »25 Minutes To Go« gehört in jedes Lesebuch, neben Bertolt Brechts »Fragen eines lesenden Arbeiters«.

Das Gedicht

»25 Minutes To Go« hat zwölf vierversige Strophen, die dem Reimschema A-B-A-B folgen. Die 13. und letzte Strophe hat bloß drei Verse und bricht im letzten Vers sowohl in Text als auch in der Musik ab (der Tod des Delinquenten). Die jeweils zweiten Verse enden auf »go« und enthalten den Countdown – eben »in death row«. In den ungeradzahligen Versen hört/liest man, was der Todeskandidat über seine ausweglose Situation sagt, er ist der Ich-Erzähler: Sein Galgen wird gebaut, er wird bald in der »Hölle« sein, Bohnen waren die Henkersmahlzeit, seine Begnadigungsgesuche wurden nicht erhört usw. Alldas hört bzw. liest man, ohne dass es schwierig zu verstehen ist, man muss nicht einmal besonders gebildet sein oder besondere Empathie mit dem Ich-Erzähler aufbringen – was übrigens eine der vielen Raffinessen dieses Gedichts ist –, um zu verstehen, worum es geht. Was man aber NICHT hört – und beim Lesen wird es auch nicht auffallen –, sind die Taktschläge auf bestimmten Akkorden. Es sind oft die ersten Taktschläge, und sie fallen fast immer auf ein Verb. Build, be, give, know, write, watch, call usw. Verben bezeichnen ein Tun, ein Häftling aber kann im ureigenen Sinn des Wortes nichts »tun«, zumal wenn er weiß, dass an ihm ein Todesurteil vollstreckt werden wird. Das korrespondiert mit den Taktschlägen drei und sieben in jeder Strophe des Liedes, die nämlich immer auf der Zahl der jeweiligen heruntergezählten Minute liegen.

In der »death row«, in der der Mensch sich befindet, ist das Einzige, was er noch tun kann: hin und her gehen und gehen zum Schafott – »go«, der Reim jeweils in den Versen 2 und 4. Alles andere, was zu tun wäre oder zu tun war oder gewesen wäre, ist nicht oder nicht mehr möglich. Die beiden letzten Strophen aber zeigen auf sehr bittere Weise, dass er doch noch etwas tut, tun kann: sehen und hören (»I can see the mountains. I see the sky« – »I can hear the buzzards. I can hear the crows«). Auf das ist er letzlich zurückgeworfen: aufs Wahrnehmen, auf seine Leiblichkeit, auf das, was sogleich getötet werden wird. Das ist das Bittere. Und der in seiner Traurigkeit unerreichte letzte Vers lautet: »And now I’m swingin’ and here I goooooo …«. Sein toter Leib, nur noch Körper, baumelt am Strick, und seine Seele fliegt davon wie die Bussarde und die Krähen.

Das Lied

Das Gedicht »25 Minutes To Go« ist als Lied bekannt geworden. Es wechselt zwischen bloß zwei Akkorden: E-Dur und H-Dur. Wem das unterkomplex erscheint, der oder die sei zunächst daran erinnert, dass das berühmte Leiermann-Lied Franz Schuberts – ebenfalls ein Lied, das den Tod zum Thema hat (Gedicht von Wilhelm Müller) – aus nur einem einzigen Akkord besteht, e-moll. Es ist eine sattsam bekannte und ebenso weit verbreitete wie kenntnislos-ignorante und falsche Auffassung, dass komplexe Musikstücke aus ganz vielen verschiedenen Akkorden bestehen müssen (und ganz viele verschiedene Töne haben müssen – wenn geht, alle zwölf). Der Umkehrschluss übrigens gilt hier nicht, nämlich dass irgendwelche banalen Drei- oder Vier-Akkord-Stücke deswegen gleich immer komplex sein müssen. »25 Minutes To Go« ist eine Art Rondeau (auch wenn es formal dieser Gedichtform nicht entspricht), das musikalisch extrem reduziert ist: auf eben die zwei erwähnten Akkorde, das heißt es geht nicht rundherum im Kreis in diesem Song, sondern hin und her – so wie ein Häftling in seiner Zelle auf und ab geht. Und was entscheidend ist: Es endet nicht versöhnlich auf der Tonika (s.u.), das ganze Stück zu einem gefälligen und letztlich erleichternden Ganzen rundend, sondern es bleibt auf der Dominante hängen – so wie der zum Tod Verurteilte nun am Galgen hängt.

Die Raffinesse von »25 Minutes To Go« besteht u.a. darin, dass Silverstein in der Aufnahme seines Liedes an den oben erwähnten entscheidenden Stellen des Texts (= des Inhalts), also meist bei den Verben, den Akkordwechsel vorschreibt, also von der 1. (Tonika) auf die 5. Stufe (Dominante) wechselt, von E-Dur auf H-Dur (= die Form). Der Rhythmus – die erste Strophe ist ein breites Largo – ist ein eher langsames Andante im Viervierteltakt, eben der Gang des zum Tod Verurteilen zum Schafott. Da hat man es nicht besonders eilig, dort hinzukommen. Hier gerät nun eine Besonderheit ins Ohr, die sich nur durch das Hören der Originalfassung Silversteins erschließt: Das Stück wird schneller. Aus dem Andante wird allmählich ein Allegretto, beinahe ein Vivace. Das bedeutet nun nicht, dass es der Sänger nun eilig hat, hingerichtet zu werden, sondern umgekehrt dass die Zeit drängt. Der Sänger hat Angst. Der Sänger wird schneller. Der Sänger wird lauter. Sekund um Sekund schraubt sich seine Stimme empor, und die Dissonanz, die im Sekund-Intervall liegt, die immer schneller wird, zeigt die Verzweiflung des Sängers; und im Übrigen die Virtuosität von Shel Silverstein, der seine belegte Stimme in diesem Lied besonders gut einzusetzen weiß. – An dieser Stelle gibt es eine interessante Divergenz zur Folsom-Prison-Version von Johnny Cash, der ja das Lied eigentlich berühmt gemacht hat.

In Johnny Cashs Folsom-Prison-Aufnahme wird das Stück nämlich nur unmerklich schneller. Das im Abzählreim-Gedicht enthaltene Drängen der Zeit drückt Johnny Cash vielmehr dadurch aus, dass er an gewissen Stellen die Tonart wechselt, jeweils um eine kleine Terz abwärts, um dann zur Ausgangstonart G-Dur zurückzukehren (abweichend von Shel). Und immer dann, wenn er das tut, lässt er Minuten aus (zwischen 18 und 13, zwischen 8 und 5), also die Minuten, die der Todeskandidat herunterzählt. Solche Tonartwechsel sind einerseits ein beliebtes Stilmittel der klassischen US-Country-Music, andererseits wohl auch dem Umstand geschuldet, dass Johnny Cashs Stimmumfang – er hat eine ziemlich tiefe Stimme – nicht gerade groß ist; er braucht dann bloß innerhalb der neuen Oktave zu modulieren. Zudem lässt er, wie gesagt, Strophen aus, ein Umstand, der mich immer verwundert, manchmal sogar gestört hat! Aber so etwas kann natürlich auch der Beschleunigung dienen, das lehrt einen der Vergleich mit Shel Silversteins Original. Und Cash ändert auch den Text an gewissen Stellen. Aber das tut der Wirkung des Liedes letzlich keinen Abbruch. Verstanden hat er das Lied, das Gedicht, sehr wohl, der Johnny Cash, nicht zuletzt deswegen, weil er, Humanist wie Shel Silverstein, gegen die Todesstrafe war. Und sein gekonntes Gebrummel ist hier zumindest charmant, in seinem Spätwerk der »American Recordings« ist es zu einer schaudern machenden Erhabenheit angewachsen. Johnny Cash ist ein großer Sänger.

Schluss

Es lohnt sich also, Liedtexte genau anzuhören und sie nicht bloß auf ihren pophistorischen Gehalt hin abzuklopfen und, sobald man da einmal etwas verstanden zu haben glaubt, sich dann damit zufrieden zu geben. Im Falle dieses Liedes wäre das etwa, dem Johnny Cash die Attitüde zu unterstellen, dass er seine Rebellion mit der Aufführung dieses Songs im Gefängnis bloß dadurch ausgedrückt hat, dass er Straftätern Unterhaltung geboten hat. Mitnichten. Es wäre lächerlich, das anzunehmen (und es gibt leider veröffentlichte Meinungen, die das tun). Es geht um das Gedicht, nur um das Gedicht, es ist ein Gedicht gegen die Todesstrafe, gegen die von Menschen erzeugte Todesangst, die selbst wiederum aus Angst geboren ist. Es ist ein Gedicht für das Leben. Selbstverständlich kann man weitere, womöglich interessantere Interpretationen von »25 Minutes To Go« finden – ich hätte da natürlich noch weitere Ideen … Aber was ich hier zusammengefasst habe, hat mir für meine musikalische Interpretation genügt.

Viele der Popsongs des vergangenen Jahrhunderts sind großartige Gedichte ähnlichen Zuschnitts (etwa die von PJ Harvey, Sven Regener, Patti Smith u.a. – Bob Dylan sowieso), haben einen eigenständigen lyrischen Wert in dem Sinn, dass man sie auch ohne die dazugehörige Musik interpretieren kann. Mein Versuch, »25 Minutes To Go« zu verstehen, ist hier zu hören. Ich habe mich für eine hybride Fassung entschieden: Der ungekürzte Originaltext Silversteins, kombiniert mit den Tonartwechseln Cashs (weil ich ja nicht wirklich singen kann und ebenso wie Cash eine sehr tiefe Stimme habe), ebenfalls beginnend mit G-Dur, so wie Johnny Cash. Das hat übrigens auch damit zu tun, dass im WWW keine Noten zu finden waren, die sich an Silverstein orientieren. Alle beziehen sich auf Cash – und auf die unterstellten (wohl mangelhaften) Gitarre-Kenntnisse unbekannter User. So habe auch ich eine G-Dur-Cash-Transskription als Grundlage verwendet. Meine Gitarre ist in barocker (also: um einen Halbton tiefer gestimmt) 415-Hertz-Stimmung, das passt gut zum Lied, wie ich finde, weil es dadurch textangemessen sehr dunkel wird (Nirvana haben das übrigens bei fast allen ihren Songs gemacht, also in barocker Stimmung gespielt). Und dieses Dunkel möge ins Licht des Verstehens führen, ins Licht des Lebens. Fight death penalty!

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