Die handliche Karte

Zu Angela Dorrers Kartografen-Handscapes

Im März wird im Mandelbaum-Verlag ein Buch erscheinen, in dem die Künstlerin Angela Dorrer ihre Handscapes zeigt. – Seit Jahren schon malt Angela Dorrer Landkarten in die Hände der Menschen – Handscapes. Es sind gleichsam aus der Vogelperspektive wiedergegebene Landschaften, die der Imagination der Künstlerin entstammen und sich dabei an den vorgefundenen Furchen, Linien, Erhebungen der jeweiligen Hand orientieren. So entstehen abstrakte Wiesen, Wälder, Seen, Häuser – hier vereinzelt, dort in Siedlungen –, Flüsse, Geländelinien und andere Formen, die einem von Landkarten nur zu bekannt sind. Es gibt aber auch nicht wenige Handscapes, bei denen die Künstlerin die Abstraktion sehr weit treibt. Und das ist es, worum es bei aller Einfühlung geht, also wenn Angela Dorrer in ihren Handscape-Performances sich von dem Menschen, dessen Hand sie bemalt, inspirieren lässt: um Abstraktion.

Das Abstrahieren ist aber auch ein Hauptmerkmal der Tätigkeit des Kartografierens, nämlich Geländeausschnitte mehr oder weniger maßstabsgetreu und isomorph abzubilden. Der reale dreidimensionale Naturraum wird in den künstlichen zweidimensionalen Raum eines Blattes Papier gezwungen. Das Abbilden folgt dabei Projektionsverfahren, deren Prinzipien zwar sehr genau, aber nicht zwingend getreu sind – Kartografen haben die Entscheidung zwischen »winkeltreuer« und »flächentreuer« Darstellung, zwischen Verzerrung der Fläche hier und Verzerrung der Winkel dort. In beiden Fällen ist es eine Formänderung, die damit zu tun hat, dass der Kartograf zwar über keiner Stelle des abzubildenden Geländes einen perspektivischen Betrachterstandpunkt einnehmen kann, diesen nolens volens aber doch behauptet; denn die Landkarte erhebt ja doch den Anspruch, auf gewisse Weise realistisch zu sein, weil eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist, Orientierung zu bieten. Landkarten sind keine Landschaften, sie stellen die dritte Dimension so abstrahiert dar, dass man sich in ihr immer noch zurechtfinden kann. Egal ob winkel- oder flächentreu: Es geht um »Treue«, also um die möglichst präzise Wiedergabe der Gegend mithilfe eines Zeichensystems. Dass man sich in der Kartografie dieser Treue nicht so sicher ist, zeigt der Umstand, dass es in dieser Wissenschaft grob gesprochen zwei Denkschulen gibt: Einerseits das präzise Messen und Zeichnen, das der Exaktheit und Empirie verpflichtet ist. Andererseits sind da die Vertreter der so genannten »imprecise cartography«, die zwar die Notwendigkeit der Präzision anerkennen, zugleich aber wissen, dass jede noch so genaue Naturwiedergabe im Kern unpräzise ist, weil sie immer abstrahiert; siehe oben.

Dieses Moment des Unpräzisen war in der Geschichte der Kartografie immer schon vorhanden und wirksam, man denke etwa an die tendenziöse kolonialistische Größendarstellung Europas und Afrikas auf alten Weltkarten: Dieses zu klein, jenes zu groß – alldas wider besseres Wissen. Kartografen wissen nämlich Bescheid, sie kennen sich aus in und mit der Welt. Sie sind mächtig, sie liefern uns die Welt in handlichem Format, manchmal auch so, dass wir sie in die Tasche stecken können. Die Geschichte belegt diese Macht, Kartografen haben im Auftrag der Potentaten vergangener Jahrhunderte zur Vermessung der Welt und zum Abstecken der Claims für ihre Herrschaftsgebiete und deren Nutzung beigetragen. Wer gute Karten hatte, hatte Macht. Wer eine Landkarte oder einen Stadtplan zeichnet, macht die Welt lesbar, abstrahiert von der realen Erfahrung von Raum und Zeit, die man macht, wenn man sich im Gelände bewegt. Erfahrung ist stetige Veränderung und Verwandlung, eine Landkarte stellt fest und erhebt somit den Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Dieser und eben auch Orientierung sind zwei Garanten der Machtausübung.

Die Lesbarkeit der Welt des Herrschers, etwa des Duc de Berry, soweit das seinem Stundenbuch »Très Riches Heures« zu entnehmen ist, bezog sich in der Buchmalerei des (späten) Mittelalters nicht nur auf symbolisch-allegorische Darstellungen, sondern auf konkrete Landschaften, Gegenden, die im Besitz des Fürsten waren. Was abgebildet war, war sein Eigentum, der Landschaftsmaler war sozusagen der Kartograf, der das zu beweisen hatte. Mit den immer öfter nötigen Landkarten kam Text hinzu, die nunmehr abstrakten Repräsentationen bedurften einer Erklärung: der Legende. »Legende« ist ein überaus sprechender Begriff, enthält er doch womöglich Selbstzweifel der Kartografen über die erwähnte Naturtreue oder den Realismus ihrer Schöpfungen. Wer alldas beim Betrachten einer Landkarte im Hinterkopf hat, wird sowohl die Folgerichtigkeit als auch die Ironie sehen, die in der Idee Angela Dorrers steckt, Kartografen um ihre Hand zu bitten, um eine Handscape daraufzumalen.

Es geht ihr um Einfühlung in den Menschen und in weiterer Folge um die Imagination einer Landschaft. Angela Dorrer imaginiert angesichts der Handfläche eine Gegend, vielmehr einen Eindruck von ihr – eine Landschaft mit Teichen, eine Gletscher-, Insel- oder Wüstenlandschaft oder auch eine Stadt im Anflug in der Nacht –, und projiziert ihn auf die Handfläche. Diese bereits erwähnte Abstraktion ist aber nur von kurzer Dauer, denn die fertiggestellte Handscape wird erst fotografiert und danach abgewaschen – die Künstlerin verwendet Wasserfarben. Das konterkariert eine der wichtigsten Eigenschaften einer von Kartografen gezeichneten Landkarte: sie bleibt. Eine Landkarte ist ein Gebrauchsdokument, sie zeigt eine Weltgegend auf eine Art und Weise, die verbindlich ist, sie ist etwas Bleibendes. Dieses statische Moment führt Angela Dorrer ad absurdum, und das ist gerade an jenen Performances bzw. deren Ergebnissen zu sehen, wo die Hände von Kartografen und Kartografinnen die Projektionsflächen der Künstlerin sind: Sie schafft einen imaginativ-kartierten Raum in den Händen jener, die von Berufs wegen für die genaue Vermessung zuständig sind und deren Werke eben bleibenden Charakter haben sollen. Dorrer verlangt von ihnen, dass sie sich nicht nur nach Beendigung der Malarbeit – zu der auch ein abschließendes Foto der Handscape gehört – sogleich die Hände waschen, sondern dass sie auch einen Text über ihre eigene Handscape schreiben sollen; sie hätten ja dafür immerhin die Fotografie zur Verfügung, die übrigens nicht notwendigerweise das zentrale Medium der Kartografie ist. Und der zeitliche Aspekt, der in den Performances Angela Dorrers – zusätzlich zum räumlichen Aspekt – so wichtig ist, weil er Bewegung hineinbringt, spielt in der Kartografie allenfalls eine Rolle in puncto Historizität.

Dorrers Performances und ihre Handscapes zeigen also auf: Hier die Künstlerin, die (er-)schafft, da der Naturwissenschaftler, der abbildet – »ihr Interpretationsspielraum ist viel enger als meiner, das ist ein Spiegel, den ich ihnen vorhalte«, sagte Angela Dorrer einmal in einem Gespräch. Der Kartograf erfährt eine Landschaft am eigenen Leib, erblickt sie und versucht, sie zu begreifen, indem er einen Text darüber schreibt. Dieser Text gehört dann zur Handscape wie die Legende zur Landkarte. Alldas teilt die Performerin dem Performanceteilnehmer vorher mit, der immer einwilligt. So besteht von Beginn an eine Übereinkunft, die Performances sind immer auf Konsens ausgerichtet: Im Fall der Kartografen-Handscapes ist es ein konfliktloser Zusammenstoß von künstlerischer Freiheit und naturwissenschaftlicher Notwendigkeit, bei dem sozusagen die Naturwissenschaft der Kunst zugesteht, jene Macht auszuüben, die seit jeher eines der Kennzeichen der Kartografie ist.

Update:

Am 6. März 2017 wurde das Buch – eigentlich ein Künstlerfabrikat in einer Box – in der Hauptbibliothek am Wiener Urban-Loritz-Platz präsentiert, hier der Link.

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4 Antworten auf Die handliche Karte

  1. christof sagt:

    “Kartografen um ihre Hand zu bitten”; “Wer gute Karten hatte, hatte Macht”; der letzte satz; und dann der titel! usw. so ein schöner und gescheiter text! zucker! darf ich auf sie zukommen wenn ich mal erleuterungen brauche? (bin maler, habe mail geschickt) das buch werde ich kaufen. mfg cfabel

  2. Meg sagt:

    Wie vernünftig und wohlwollend und wohlgesetzt geschrieben! So kennen wir dich! Wann gibt es das nächste Schreibseminar? Lieben Gruß, Meg

    • Martin Ross sagt:

      Liebe Meg, danke! Freue mich! Schreibseminar wird es jetzt längere Zeit nicht geben, weil ich mit einem sehr großen Projekt (und nebenher auch mehreren kleinen) beschäftigt bin. Herzliche Grüße, Martin

  3. Katinka sagt:

    Das Buch kostet ja so irre viel, habe zuerst 14.000 gelesen, aber 140 ist auch zu viel! Ich überlege noch. sehr coole Besprechung übrigens, selten daß wer so schönes deutsch schreibt. Danke unbekannter Weise.