Sich arm arbeiten

Aus gegebenen Anlässen, und weil die Armutskonferenz bevorsteht: eine Reportage aus dem Leben von Universitätslehrbeauftragten. Die Kollegin, mit der ich zu diesem Thema gesprochen habe, bat mich, ihren Namen zu ändern, die Universität nicht zu erwähnen und auch nicht das Fach, das sie lehrt. Sie hat Angst, wegen ihrer kritischen Betrachtungen ihre Lehraufträge zu verlieren.

Maria Meier ist eine working poor. Das heißt, trotz kollektivvertraglicher semesterweiser Anstellung als externe Lehrbeauftragte an einer österreichischen Universität und trotz ihrer Tätigkeit als selbstständige Werbetexterin, die sie aus Zeitgründen (sie muss ja Lehrveranstaltungen vorbereiten und abhalten) nur ab und zu und projektweise ausüben kann, reicht ihr Einkommen nicht aus, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Sie ist alleinstehend, ohne Kinder, ohne Sorgepflichten für etwaige Angehörige, ihr vollständiges Haushaltseinkommen (Einpersonenhaushalt, keine Sozialleistungen, kein Führerschein) liegt trotz Erwerbstätigkeit unter der in Österreich derzeit definierten Armutsgefährdungsschwelle von 1.066 Euro netto monatlich, und es schwankt. Die monatlichen Fixkosten (Miete, Strom/Gas, Kommunikation, Verkehr, Heizung [feste Brennstoffe] usw.) betragen je nach Jahreszeit zwischen 650 und 700 Euro.

Was ihr wichtig ist zu betonen: Sie beschwert sich nicht über ihre Situation, weder bei ihrer Arbeitgeberin – der Universität – noch bei ihren Auftraggebern aus der Wirtschaft. Sie ist glücklich und stolz, an ihrer Uni lehren zu können, sie ist glücklich mit ihren Kunden, die sie beauftragen; sie hat fantastische Kunden, so sagt sie. Das heißt aber nicht, dass Marias Situation zufriedenstellend ist. Sie ist es nicht. Was Maria weiter wichtig ist: Das Phänomen der working poor ist keines, das aus persönlichem Unvermögen oder sonstigen Schwächen entstanden ist. Es ist eines, das die Gesellschaft erzeugt hat. Die folgenden Überlegungen Marias weisen auf einige Gründe dafür hin.

Selbstverwirklichung/Selbstausbeutung

Vielen der working poor wird vorgehalten, sie hätten mit ihrer Situation nun das Ergebnis dafür präsentiert bekommen, dass sie sich selbst verwirklichen wollen und unfähig sind, Selbstausbeutung abzuwehren. Selbstverwirklichung wird so fälschlicherweise und auch tendenziös mit Egoismus in Zusammenhang gebracht. In Wirklichkeit geht es aber immer darum, dass ein Mensch danach trachtet, das zu tun, was er gerne tut; bei Maria Meier sind es die universitäre Lehre, die wissenschaftliche Forschung und das Schreiben. Insoferne kann man das – auch wenn sie es nicht so ausdrücken würde – als »Selbstverwirklichung« bezeichnen. »Selbstausbeutung« weist sie aber zurück. Maria beutet sich nicht selbst aus, sie werde ausgebeutet, sagt sie. Und es sei auch nicht so, dass sie diese Ausbeutung zulasse: »Es wäre in meiner Situation nämlich ökonomischer Unsinn, unterbezahlte Jobs bzw. Projekte nicht anzunehmen bzw. durchzuführen.« Es gehe ihr vielmehr um die gesellschaftlich akzeptierte Ausbeutung von Personen, denen es gelungen ist, das zu tun, was sie gerne tun – und das auch noch sehr gut machen; nicht zuletzt deswegen, weil sie hochqualifiziert sind. Es sind die Rahmenbedingungen, die eine einzelne Lehrbeauftragte wie Maria Meier nicht beeinflussen kann, weil sie eben vorgegeben und von ihr nicht mitgestaltet worden sind. »Willst du ihnen nicht folgen, dann kriegt eben jemand anderes den Job. So einfach ist das«, sagt sie. Hier werden also Notlagen ausgebeutet. Und sie will noch etwas strikt zurückweisen bzw. als Gedanken gar nicht aufkommen lassen: Opfer. »Ich bin kein Opfer. Ich habe aus den herrschenden Verhältnissen das für mich derzeit Beste machen können. Dass es nicht reicht, dass ich in einer finanziell prekären Lage bin, liegt nicht an mir.«

Man hört oft das Argument »Selber schuld, wenn du das machst, obwohl es so schlecht bezahlt ist«; oder »Hättst was Gscheits glernt«. Das ist falsch und zynisch zugleich. Falsch ist es, weil einem oft kaum eine andere Möglichkeit bleibt, um im Wissenschaftsbetrieb zu arbeiten, mit der vagen Hoffnung, vielleicht einmal die Sicherheit einer Anstellung oder wenigstens einer befristeten Projektstelle zu erlangen. Zynisch ist es, weil man mit so einer Aussage strukturelle Probleme, auf die man als Einzelperson keinen Einfluss hat, individualisiert; also unzulässigerweise einem Individuum die Verantwortung für die Meisterung dieser Probleme umhängt. Solch ein »Argument« zielt im Grunde darauf ab, den Status quo zu erhalten, Veränderung oder gar Verbesserung zu verhindern. Das betrifft im Übrigen auch die so genannte freie Wirtschaft (Maria arbeitet wie gesagt auch als Texterin). Oft ist es gut, für einen Bettel ein Projekt zu meistern, um so durch Qualitätsarbeit beim Auftraggeber in Erinnerung zu bleiben und eventuell ein weiteres Mal – diesmal zu realistischen Preisen – beauftragt zu werden. Ein paar Mal hat Maria das bereits gemacht. Dass der Auftraggeber bei diesem weiteren Mal dann wieder nichts oder nicht viel bezahlen möchte, kommt sehr oft vor, sagt sie, und in vielen Fällen sind dann auch Verhandlungen nicht möglich, weil sie vom Auftraggeber mit dem Hinweis abgelehnt werden, man würde ja ohnedies immer jemand Billigeren finden. Wie auch immer: Es geht nicht darum, dass Maria Verantwortung von sich abschieben will oder will, dass der Staat Verantwortung für sie übernimmt (letzteres wäre »eine durchsichtige und ziemlich hinterhältige Unterstellung«, sagt sie); immerhin übernimmt sie täglich Verantwortung für ihr Leben. Aber für etwas verantwortlich zu sein, auf das man keinen Einfluss hat, ist nicht möglich: »Das muss doch auch dem verbohrtesten Neoliberalen einleuchten, oder?«, fragt Maria Meier gar nicht rhetorisch.

Weltfremdheit

»Was mich am allermeisten nervt, ist diese Weltfremdheit, wenn es um Leistungsgerechtigkeit (und nicht nur um diese) geht. Man glaubt, meine Leistung als Lehrbeauftragte sei mit einem Nettostundenlohn von 8 Euro adäquat bezahlt. Dass da ein Leben dahintersteckt, das geführt werden muss, um diese Leistung zu erbringen, daran denkt man nicht. Allenthalben wird verlangt, dass man bestqualifiziert sein möge, und wenn man es nicht ist, dann solle man danach trachten, seine Qualifikation zu optimieren. In Wirklichkeit ist Qualifikation irrelevant, relevant ist einzig die Frage: ›Wieviel kostet er oder sie?‹ Natürlich darf man nichts kosten, und wer zu teuer ist oder scheint, wird aussortiert.« – Auf die Frage nach ihrem Alltag der Arbeitsakquise kommt Maria ein wenig in Rage. Es seien nicht nur Uni-Leute, die vollständig weltabgewandte Ansichten über die Situation einer wirtschaftlichen Einzelkämpferin haben, sondern zu Marias Erstaunen auch Akteure aus »der Wirtschaft«, also Menschen, die sich üblicherweise zugute halten, sich mit dem Leben so richtig auszukennen, weil sie sich mit Geld richtig gut auskennen.

Es gebe Personalchefs, die forderten höchste Qualifikation ein und eröffneten ein Bewerbungsgespräch mit dem Satz »Sie brauchen nicht glauben, dass Sie mehr verdienen als die anderen hier, nur weil Sie ein Doktorat haben«. Es gebe Personalchefs, die beklagten öffentlich die tatsächliche oder vermeintliche Unselbstständigkeit von Bewerberinnen und Bewerbern, und dann sagen Sie einem telefonisch ab mit der Begründung »Frau Meier, Sie sind uns zu selbstständig«. So etwas ist ihr mehrmals passiert, und sie weiß, dass nicht wenige andere auch so etwas erlebt haben.

Es gibt auch diejenigen – und das kann man in jeder einschlägigen TV-Talkshow erleben –, die an die ausschließende Gültigkeit von esoterischen und weltabgewandten Motivationssätzen wie »Jeder ist seines Glückes Schmied« oder »Wenn du etwas wirklich willst, dann wirst du es auch bekommen« glauben. So als ob man als Individuum mit so riesenhaften Kräften ausgestattet wäre, dass man die strukturellen Rahmenbedingungen zu seinen Gunsten verbiegen könnte. Das ist weltfremd, sagt Maria. Personalchefs in Firmen nähmen im Zweifelsfall immer den/die billige/n Bewerber/in und nicht den/die bestqualifizierte/n, da könnten sie noch so oft das Gegenteil behaupten. In keinem Bereich am Arbeitsmarkt würde so viel gelogen wie hier, spricht Maria aus Erfahrung.

Im Falle des Lehrauftrags, den Maria Meier noch hält, sehen die Rahmenbedingungen so aus: Das Salär ist gesetzlich-kollektivvertraglich festgelegt. Man kann nur zwei Dinge machen: Den Vertrag unterschreiben oder nicht unterschreiben. Damit ist die Sache erledigt. Maria – und wohl auch jede/r andere in dieser Situation – kann es sich nicht leisten, nicht zu unterschreiben; das ist Marias ökonomisches Argument. Und sie will unterschreiben, weil
• sie lehren will;
• es das ist, »was ich sehr gut kann, wofür ich hervorragend qualifiziert und geeignet bin, worin ich inzwischen 19 Jahre Erfahrung habe«;
• sie in ihrem Fachgebiet auf dem neuesten Stand ist;
• sie diese Aktualität in die Lehre einbringt;
• sie an wissenschaftlichen Fachdiskussionen teilnimmt (Vorträge, Publikationen);
• sie eine versierte und stark nachgefragte Betreuerin von Abschlussarbeiten ist (BA, MA);
• sie eine international nachgefragte Universitätslehrerin ist (Deutschland, Holland, USA …);
• alldas zur »bestmöglichen Ausbildung der Studierenden meiner Universität beiträgt – diese acht Punkte sind mein sachliches Argument, mein Leistungsargument«. Es gelte, so behauptet Maria, grosso modo für alle externen Lehrbeauftragten (schwarze Schafe mag es auch hier geben; sie sind irrelevant). Und das ist dem Staat so wenig wert?

Leistung und Ansehen

Es gibt Leute, die bekommen sehr viel Geld für keine Leistung und fragen dann »Wo war meine Leistung?«. Und dann gibt es Maria Meier und andere, und sie leisten sehr viel in höchster Qualität, und sie fragen sich: »Wo ist mein Geld?« – Zugegeben: Das ist zugespitzt ausgedrückt, aber trotzdem wahr. Es ist schandhaft wenig Geld, das man für eine Stunde universitärer Lehre bekommt. Was Maria sehr wichtig ist: Ihre Kritik richtet sich NICHT an die Universitäten, also auch nicht an ihre Universität! Sie sind ja in der unbequemen Lage, derlei Mangel irgendwie sinnvoll verwalten zu müssen. Diese Kritik richtet sich vielmehr an die Gesellschaft und an die Politik, die offensichtlich ein Problem haben, den Wert von geistiger Arbeit zu erkennen oder gar anzuerkennen.

Wenn Maria im Ausland ist, zu Vorträgen etwa, dann hört sie eine immer wiederkehrende Frage: »Warum stellt Ihre Universität Sie nicht an?« Viele Kolleginnen und Kollegen aus Österreich, mit denen sie über dieses Thema spricht, berichten dasselbe; auch sie bekommen stets diese Frage gestellt. In Deutschland beispielsweise erntet man verwunderte Blicke und Bemerkungen, wenn man sagt, man würde neben der akademischen Lehre auch arbeiten: »Ist das wirklich so, Sie müssen ARBEITEN?« (DAS hat der Berichterstatter übrigens selbst schon erlebt.) Nun ist Arbeiten nichts Ehrenrühriges, im Gegenteil, und von den Gesprächspartnern war das ja auch nicht so gemeint. Im Wissenschaftsverständnis in Deutschland (Bereich Geisteswissenschaften) ist es eben verankert, dass sich jemand nur dann in universitärer Lehre und Forschung bewähren und behaupten kann, wenn man außer dem nichts anderes tut; also nicht »arbeitet«, sondern an der Uni oder irgendeiner anderen akademischen Institution eine Anstellung hat und sich in Ruhe seiner oder ihrer Lehre und Forschung widmen kann. Eine vernünftige Einstellung. Regelmäßig sind sie dann verwundert, dass man doch einen guten Vortrag für die Tagung zustande gebracht hat (um jetzt nur ein Beispiel zu nennen). Den externen Lehrbeauftragten in Deutschland geht es übrigens gleich wie jenen in Österreich. Aber es gibt dort wenigstens das Bewusstsein, dass Qualitätsarbeit und -leistung einer finanziellen Absicherung bedarf. Und die Grundlage dieses Bewusstseins ist eine Wertschätzung der geistigen Arbeit. Diese gibt es nicht in Österreich.

Wertschätzung

In Arbeitszusammenhängen drückt sich die Wertschätzung für die arbeitende Person in Zahlen aus. Es ist natürlich sehr schön, sie auch in Worten ausgedrückt zu bekommen, das ist motivierend, findet Maria. Nur sollten auch die Zahlen die Wertschätzung zeigen, d.h. es sollte das Entgelt stimmen, also in vernünftiger Relation zu Qualifikation, Erfahrung, Leistung und Arbeitgebererwartungen stehen (und wohl noch zu einigem anderen mehr). In Fall Maria Meiers – und auch bei vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen – stimmt das Entgelt im oben genannten Sinne nicht.

Die nun folgende zu Demonstrationszwecken durchgeführte Entgeltrechnung zeigt auf einfache Weise, wie sich ein Stundenlohn für eine Lehrauftragsstunde einer Lehrveranstaltung des Typs »lit.b« errechnen lässt. Grundlagen der Rechnung sind Maria Meiers aktueller Lehrauftragsvertrag (3 Wochenstunden lit.b im Semester), das Angestelltengesetz und das Bundesgesetz über die Organisation der Universitäten und ihrer Studien (UG 2002). Die Rechnung ist zweigeteilt: Zuerst gemäß den Buchstaben des Vertrags, dann gemäß der Wirklichkeit der Arbeit. Selbstverständlich wird mit dem Nettoentgelt gerechnet, weil nur das das Empfänger-Bankkonto interessiert.

Entgeltrechnung / Vertrag
Errechnung eines Stundensatzes (Modell)

3 Stunden pro Woche Lehrveranstaltung (LV) =
12 Stunden pro Monat LV =
383,64 Euro

1 Stunde LV entspricht 2,25 Stunden (je 45 Minuten für Vorbereitung, Lehre, Nachbereitung)

2,25 Stunden x 12 = 27 Stunden pro Monat

383,64 Euro : 27 Stunden = 14,21 Euro pro Stunde

Diese Rechnungsannahmen des Vertrags berücksichtigen NUR die FORMALEN Vor- und Nachbereitungen der abgehaltenen LV-Stunden während des Semesters. Die INHALTLICHE Vorbereitung (Ideenfindung, Recherche, Lektüre, Schreiben, Fachdidaktik usw.) findet aber VOR dem jeweiligen Semester statt und wird daher NICHT bezahlt. Wenn man also die Aufwände für die formale und die inhaltliche Vorbereitung zusammenzählt – also die ökonomische WIRKLICHKEIT des Lehrens berücksichtigt –, dann sieht der errechnete Stundensatz der Entgeltrechnung für 3 Stunden LV pro Woche für 1 Verrechnungssemester (6 Monate) so aus:

Entgeltrechnung / Wirklichkeit

Mindestannahme:
1 Monat inhaltliche Vorbereitung auf eine 3-stündige LV = 
160 Stunden (40-Stunden-Arbeitswoche)

Monatsrechnung:
160 Stunden inhaltl. Vorbereitung + 27 Stunden Lehre pro Monat = 
187 Stunden

383,64 Euro : 187 Stunden = 2,05 Euro pro Stunde

Semesterrechnung (effektive Lehraufwände [man bereitet ja nicht nur einen Monat, sondern 15 Semesterwochen vor]):
160 Stunden inhaltl. Vorbereitung + 101,25 Lehre pro Semester = 
261,25 Stunden

383,64 Euro : 261,25 Stunden = 1,47 Euro pro Stunde

Semesterrechnung (Verrechnungssemester [6 Monate, das Entgelt wird auch in vorlesungsfreien Zeiten überwiesen]):

383,64 Euro x 6 Monate = 2.301,84 Euro

2.301,84 Euro : 261,25 Stunden = 8,81 Euro pro Stunde

Diese zweite Semesterrechnung ist also die realistische. Das ist Maria Meiers Wirklichkeit: 8,81 Euro pro Stunde. Natürlich verringert sich der Stundensatz, wenn sie für ein komplexes Thema zwei Monate zum Vorbereiten benötigt statt einem; je größer der Divisor, desto kleiner der Quotient. Zum Vergleich (weil genau DIESER Vergleich so oft gemacht wird): Rechnet man den Kollektivvertrags-Monatslohn des Reinigungspersonals beispielsweise der Versicherungsunternehmungen in einen Stundenlohn um, dann beträgt er 8,37 Euro (ohne Zulagen und Überstundenzuschläge).

Geistfeindlichkeit

Zugegeben, es ist nicht besonders originell zu konstatieren, dass Gesellschaft und Politik Österreichs der geistigen Arbeit negativ bis feindlich gegenüberstehen. Einerseits findet man Bildung sehr wichtig, andererseits verachtet man geistige Arbeit, die eine der Voraussetzungen für Bildung ist. Wenn man sich nun ansieht, wie Lehrbeauftragte und Wissensarbeiterinnen und -arbeiter behandelt werden, dann muss man zugeben, dass die Feststellung von Österreich als einem geistfeindlichen Land zutrifft. Das mag viele Gründe haben, einer davon ist aber sicher, dass die Arbeit von externen Lehrbeauftragten an österreichischen Universitäten nicht so recht sichtbar ist und ihre Wirkung erst mit der Zeit entfaltet. Ein Vergleich mit der Arbeit des Textens für die Werbung zeigt das sehr gut (ein Metier, das Maria Meier quasi von innen kennt). Der Vergleich ist zulässig, denn beim Werbetexten geht es ebenso wie in der Wissenschaft um Ideenfindung, Recherche, Lektüre, Schreiben usw. Es gibt keinen Werbetexter, der bei einem Stundensatz von unter 100 Euro einen Bleistift auch nur in die Hand nimmt. Werbung ist ein Wirtschaftsbereich, der davon lebt, sofort sichtbar zu sein, und dafür ist man dort bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen. Allerdings hat in der Branche auch diese Bereitschaft stark nachgelassen.

Gegen eine derartige Unsichtbarkeit zu kämpfen oder sie zu beenden ist natürlich eine Aufgabe des akademischen Sektors. Sie kann aber nur gelingen, wenn Gesellschaft und Politik bereit sind, zu erkennen und anzuerkennen, dass geistige Arbeit ein gleichberechtigter Bereich ist neben klassischer Erwerbsarbeit oder Unternehmertum oder anderem. Für die Honorierung von geistiger Arbeit bedeutet das, dass die Lebensrealität der geistigen Arbeiterinnen und Arbeiter die Basis sein soll, um eine entsprechende Entlohnung sicherzustellen. Und zu dieser Lebensrealität gehört eben, dass man von dem geringen Entgelt nicht leben kann; dass man Nebenjobs braucht, um ans Existenzminimum heranzukommen; dass diese Nebenjobs in der Regel ebenso schlecht bezahlt sind; dass man nur wenige Nebenjobs haben kann, weil der Tag nur 24 Stunden hat.

Konsequenzen

Natürlich, und damit schließt dieser Beitrag, hat Maria Meier auch Ideen, um die Situation – IHRE Situation – zu verbessern: »Wer einen Lehrauftrag erhält, muss besser bezahlt werden. Niemand von uns sollte netto weniger verdienen als 50 Euro pro Tag; 48,30 Euro beträgt der aktuell [Stand: Herbst 2014; d.A.] höchste Netto-Tagsatz für das Arbeitslosengeld. Die langjährigen und berufserfahrenen Lehrbeauftragten sollten je nach Lehrausmaß Teilzeitstellen bekommen, um sie aus der diskriminierenden Honorarfalle zu befreien. Habilitierte freiberufliche Lehrende – auch sie gehören zum akademischen Prekariat und zu den working poor – sollten wenigstens als angestellte Teilzeitprofessoren und -professorinnen im Anstellungsverhältnis arbeiten können. Das bedeutet: Die Budgets der Universitäten gehören zumindest verdreifacht – und das rückwirkend falls möglich; wie weit rückwirkend, sollte Thema von Diskussionen sein.«

Ob diese Forderungen realistisch sind? Wer weiß das … Als Bürgerin hat Maria (und auch der Berichterstatter) zu wenig Einblick in derlei Möglichkeiten. Es ist Aufgabe von Parlament und Regierung, sich darum zu kümmern. Eines scheint klar zu sein: Es ist dringend an der Zeit, die Situation der working poor so sehr zu verbessern, dass es nicht mehr nötig sein wird, diesen Begriff zu verwenden.

Nachgetragene Information (Link) vom Oktober 2016:

Dieser Beitrag »Exzellente Entqualifizierung: Das neue akademische Prekariat« von Britta Ohm kommt zwar aus der Erfahrung mit Praktiken in Deutschland, er ist aber fast vollinhaltlich auch auf österreichische Verhältnisse übertragbar, eben weil die destruktiven neoliberalen Vorstellungen vor Ländergrenzen nicht stehen bleiben. Hervorragend geschrieben, und leider so wahr; danke, Britta Ohm! Und: Alles Gute!

Noch ein Link zu Britta Ohm

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