Eislady und Kristallkind

Bemerkungen zu zwei aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen

In den letzten Tagen sind bemerkenswerte Texte veröffentlicht worden, zu zwei Themen, die immer wieder für Diskussionen sorgen. Jeder für sich thematisiert das Phänomen der Gewalt in der Gesellschaft, und zugleich relativiert er es, soll heißen: Die Ausübung von Gewalt wird auf eine Weise dargestellt, dass man den Gewalttäter wenn schon nicht exkulpiert, dann doch als einen von Sachzwängen getriebenen Menschen versteht, der ja nicht anders konnte, als diese seine Gewalt auszuüben. Relativieren ist an sich nichts Böses, wie das etwa Stimmen des reaktionären Katholizismus gerne glauben machen möchten. Relativieren heißt ja zunächst, dass gewisse Phänomene, die bloß für sich betrachtet wurden (so als ob sie eine frei schwebende Existenz hätten oder quasi vom Himmel gefallen wären), in ihre ursprünglichen Zusammenhänge gesetzt werden. Relativieren kann aber umgekehrt auch heißen, dass man Dinge aus ihrem Zusammenhang reißt, um ihre Bedeutung, die sie in diesem ursprünglichen Kontext haben, in ein neues, überwiegend willkürlich hergestelltes Beziehungsgefüge setzt, um sie so in einem anderen, oft genug ideologischen Licht erscheinen zu lassen. Das ist – von der Vorgangsweise her betrachtet – wahrscheinlich genauso legitim wie der erstere Fall.

Seit anno 2000 wird in Österreich diese Art der Relativierung allerdings immer wieder als politisches Kampfmittel eingesetzt, meist um demokratisch zustande gekommene Konsense zu desavouieren. Angesichts der erwähnten Texte ist eine derartige Instrumentalisierung gesellschaftspolitisch wichtiger Themen von den Autoren wohl nicht beabsichtigt gewesen. Die Texte (ihre Autoren) gefielen sich selbst so sehr, dass sie meinten, die Welt an ihrem Selbstgefallen teilhaben lassen zu müssen. Die politischen Akteure jedweder Couleur werden sich wohl genussvoll auf diese Texte stürzen und sie für ihre Zwecke heranziehen; was die veröffentlichte Meinung angeht, ist das mittlerweile bereits ausführlich geschehen. Das ist der kleinste Vorwurf, der den beiden Autoren zu machen ist: Sie haben das nicht bedacht. Sie sind ein Stück weit weltfremd, weil sie ihre je eigene (kleine) Welt absolut gesetzt haben.

Die schöne Eislady

Thomas Glavinic besucht Estebaliz Carranza. Frau Carranza ist die Meidlinger Eissalonbesitzerin, die den Mord an zwei Menschen gestanden hat und dafür verurteilt wurde. Die österreichischen Medien verliehen ihr das Epitheton ornans »Eislady«. Dokument des Besuchs von Schriftsteller Glavinic bei Frau Carranza im Gefängnis Schwarzau sind gleich drei Texte – zwei Feuilletons und ein Interview –, die gaaanz sicher rein zufällig alle am selben Tag, am 22. November 2014, erschienen sind: Im »Standard«, in der »Welt« und im »Kurier«. Zufall oder nicht: Authentisch sind sie, die Texte, gaaanz echt authentisch. Warum der Dichter die Mörderin besucht hat, wird in keinem der drei Dokumente klar. Sein Anwalt, der übrigens im selben Verlag wie Carranza ein Buch veröffentlicht hat, hat das eingefädelt, gibt der Dichter zu. Nun denn, ein einigermaßen schwächliches Motiv für einen ansonsten so kraftmeiernden Schreiber.

Wie auch immer: Was klar wird, ist, dass Glavinic Frau Carranzas Morde relativiert. Er ruft somit das in Erinnerung, was damals, als der Prozess stattfand, die österreichische Krawallpresse – und nicht nur diese – ohnedies ausführlich und gaaanz authentisch berichtet hat. Wiederholung ist das wichtigste Stilmittel der klassischen Rhetorik: Noch einmal; noch einmal. So weit so neu. Schön, dass Frau Carranza Herrn Glavinic derart beeindruckt hat, dass er wiederholen wollte. Bei fortdauernder Lektüre seiner/s Texte/s fragt man sich allerdings, warum er/sie denn geschrieben wurde/n oder werden musste/n, denn Neues ist darin nicht zu lesen (die Textversion der »Welt« muss natürlich in Österreich Bekanntes repetieren, weil deutsche Zeitung …), originell (oder horribile dictu: witzig) ist auch nichts drin, und eine irgendwie (vulgär-)philosophische Motivation ist trotz der im- wie expliziten Anrufung des Bösen ebenfalls nicht zu erkennen. Und dann natürlich der Anwalt als Beschützer im Hintergrund … eine Mörderin im Gefängnis besuchen, echt gefährlich, also dann lieber mit Anwalt, gelt, es könnt ja was dings … nein, also wirklich …

Wie auch immer: Es sieht schlussendlich so aus, als ginge es dem Dichter mit seinen Föjetongs um etwas anderes als um das eingesperrte Schnuckelchen. Julya Rabinowich hat meines Erachtens recht, wenn sie eine PR-Aktion Glavinics vermutet, denn das nächste Buch des Dichters scheint auf sich warten zu lassen, und da möchte man inzwischen doch nicht in Vergessenheit geraten. (Ach ja, wow: Es war verboten, die Mörderin zu interviewen … verboten! Wahnsinn, was alles möglich ist, wenn man sich nur traut … Ein Auftritt im nächsten Manager-Fortbildungsseminar scheint gesichert.) Allerdings gibt Rabinowich auch inhaltlich etwas zu bedenken: Die Täter-Opfer-Umkehr, die Glavinic in seinem Text vollzieht. Und damit trifft sie den Kern.

Du bist Mörder, ich bin Mörder, wir sind Mörder. »Ich weiß, dass in mir Triebe und Gedanken sind, deren Realisierung mit dem Gesetzbuch nicht vereinbar wäre.« Jetzt habe ich aber wirklich Angst, Angst vor dem Dichter und natürlich auch vor mir. Bibber. – Das ist Glavinics Erkenntnis, dafür benötigt er am Beginn seines Texts (dem des »Standard«-Albums) ein Goethe-Zitat, am Ende muss natürlich Hannah Arendt herhalten, Hannah Arendt, die besonders gerne von jenen Föjetonisten zitiert wird, die ihre Texte nicht verstanden haben, aber ganz politically correct als Feministen verstanden werden wollen (auch wenn Letzteres ihnen wurscht ist). Dazwischen spricht Glavinic eine halbe Stunde lang mit Estebaliz Carranza. Natürlich ist diese, ähem: Reflexion über das Alltägliche des Mörderseins ja nur hypothetisch gemeint. Darin jedoch entlarvt sich der Dichter, der – wie es scheint – nicht zu den Hellsten seiner Art zählen dürfte, unfreiwillig als noch dazu ziemlich feige. Denn wenn ich als Mörder bezeichnet werden möchte, dann aber bitte mit voller Breitseite! Dann bitte mit Geständnis und Heulen und Zähneknirschen! Ich habe einen Anwalt!

In jedem von uns steckt ein Mörder, so will Glavinic vermitteln: – Jo, Oida, dann sag mir das doch so auf den Kopf zu, dass auch ich ein Möada bin! Gib doch zu, dass du es leiwaund findest, was die schöne Esti getan hat. Du kannst es für deinen nächsten Roman oder was auch immer gebrauchen. Esti, so nennt Glavinic sie im Text. Er urteilt nicht, sagt er. Er war bei ihr im Häfn, deswegen sind seine Aussagen über sie authentisch (was auch immer das sein mag) – das vermittelt sein Text. Und er findet allerlei relativierende Sachverhalte, die Carranzas Taten in (vielleicht) anderem Licht erscheinen lassen. Schön findet der Dichter Esti. Mag sein, dass sie schön ist. Na und?

Glavinics ganzer Text ist ein Urteil, er merkt das nicht, denn Liebe macht blind, so ist man versucht zu sagen. Schwach, so was von einem zu lesen, der sich selbst oft genug als starken coolen Macker hingestellt hat, siehe oben. Mehr als problematisch wird sein Text, weil er die Taten der Täterin hauptsächlich eben dadurch zu relativieren versucht, indem er sie als schöne Frau beschreibt, Bussi inklusive. Sein Text ist es nicht wert, den Hautgout seiner vulgärpsychologischen Aussagen auf die Probe zu stellen (»Wir alle sind potenziell böse. Wir alle sind unter bestimmten Umständen imstande, Verbrechen zu begehen, die wir uns nicht zutrauen« usw.). Allerdings kann man dem Text nicht ersparen, seine Gewaltaffirmation zu thematisieren.

Es mag schon sein, dass in jedem und jeder von uns ein Killer steckt. Was aber ist ethisch aus einer derartigen »Erkenntnis« zu gewinnen? – Doch das, dass es seinen guten Grund hat, dass Mord ein Straftatbestand ist! Warum sollte das relativiert werden mit dem Hinweis darauf, dass eine Mörderin schön ist? Und das von Hannah Arendt herbeigezerrte Argument des Person-Seins? Waren die Opfer von Estebaliz Carranza keine Personen? Und ihre Angehörigen? Wie mag es ihnen gehen nach der Lektüre des Glavinic-Texts? Soll der Hinweis auf die Schönheit der Mörderin gar ein Verständnis für ihre Taten erzeugen? Ein Verständnis, das Mord verharmlost? Das Mord gar zu etwas Schönem macht?

Dies gewollt zu haben oder zu wollen sei dem Dichter hier nicht unterstellt, bei weitem nicht! Aber er hat sich bei und vor der Abfassung seiner Texte diesen Fragen offenkundig nicht gestellt (wahrscheinlich waren Anwalt und PR-Abteilung des Verlags dagegen). Er hat einfach nicht nachgedacht, nicht nachdenken wollen: »Ich werde ein Bier trinken gehen, in meinem Stammlokal, das habe ich nötig.« – Auch wenn es in Kinofilmen immer wieder vorkommt: Ästhetisierung von Gewalt mag auf der Leinwand lässig anzusehen sein, ist aber letzlich antidemokratisch – siehe Walter Benjamins Warnung vor der »Ästhetisierung der Politik« –, versucht alte Machtverhältnisse zu konservieren und ist per definitionem unmenschlich. Glavinic fragt sich, wie viel von Carranza in ihm steckt. Genau das, und es ist zu viel.

Das schöne Kristallkind

Wolfgang Greber ist ein guter Vater. Sagt er. Er hat einen Sohn, von dem er so richtig schwärmen kann. Das ist lieb. Aber: Er tut seinem Sohn Gewalt an, sagt er. Das ist nicht lieb, und deswegen ist über Herrn Greber das hereingebrochen, was man auf neudeutsch »Shitstorm« nennt. Und aus der Beobachterperspektive muss man sagen: zu Recht; denn – um Herrn Grebers Formulierung zu gebrauchen – »Worte allein sind meist zu wenig«. Herr Greber ist dafür, Kindern Gewalt anzutun, um erzieherische Absichten durchzusetzen. Gewalt als erzieherische Maßnahme, das liest sich dann so: »Ich stehe zum Ohrenzieher. Wozu ich wirklich stehe, ist der Ohrenzieher als strengste Sanktion: Da wird M. nach ›1, 2, 3‹ am Ohr gezogen. Nicht fest, aber doch. Nun, nachdem seine Trotzphase, die moderat war, vorbei ist, ist das fast nimmer nötig. Die (seltene) Androhung wirkt heute noch immer.«

»M.« ist Grebers Sohn, in der Printausgabe noch mit vollem Namen genannt, in der Onlineversion seines Texts mittlerweile abgekürzt, weil die Redaktion endlich aufgewacht und ein wenig halbherzig zurückgerudert ist. Dass dem Autor öffentlich Einiges, siehe oben, entgegengehalten wurde, soll hier nur als Faktum erwähnt werden, die prominentesten und fundiertesten Gegenstellungnahmen stammen von Armin Wolf (auf Facebook) und Michael Bonvalot (vice.com); Stand der Recherche: 4. Dezember. Wolf argumentiert gegen Greber auf der Basis eigener Erfahrungen. Bonvalot zeigt die Gesetzeslage auf, gegen die Greber mit seinem zugegebenen Verhalten im Grunde eindeutig verstoßen hat. Beide Stellungnahmen greifen aber zu kurz.

Sie greifen zu kurz, weil sie die Immunisierungsstrategie, die Greber fährt, in ihrer Bedeutung nicht ermessen können oder wollen. Immerhin geht es dabei unter anderem um ein sehr persönliches Erlebnis, das Greber eher so nebenher erwähnt, so als ob es ihm gar nicht darum ginge. Dafür aber gebraucht er aber dann doch ein gewichtiges Wort: das »Heilige«. Die Heiligkeit eines Kindes könne gerade er ermessen, weil er eines »auf dem Friedhof schlafen legen« musste. Eines seiner Kinder – auch hier nennt er den Namen – ist gestorben, kurz vor der Geburt. Das ist in der Tat etwas, das niemand erleben möchte. Es muss furchtbar sein, so etwas zu erleben. Herr Greber hat deswegen jedes Mitgefühl verdient. Aber: Er gebraucht dieses Ereignis, das er nicht hätte erwähnen müssen, um seine offen zur Schau gestellte Gewalttätigkeit in der Erziehung seines Sohnes indirekt zu legitimieren. So nach dem Motto: Nur wer das durchgemacht hat wie ich, kann/darf/soll über Kindeserziehung mitreden. Und unmittelbar nach dem en passant erwähnten furchtbaren Ereignis des verstorbenen Kindes zieht Greber gleich wieder aggressiv vom Leder: »Totale Gewaltfreiheit in der Erziehung ist ein infantil-romantischer, militant-pazifistischer Irrglaube wie die Idee der Gewaltfreiheit in der Welt, da ändert auch das gesetzliche Gewaltverbot nichts. Ich habe manch gewaltfrei erzogenes Kind erlebt, sie neigen zu Rücksichtslosigkeit und verbreiten oft negative Schwingungen.« Was soll man dazu noch sagen …

Eine Körperstrafe ist Anwendung von Gewalt. Auch wenn Greber sie in »homöopathischen Dosen« (Wirkt sie denn dann?) und als »Ultima Ratio und an Stellen, die nicht zu persönlich sind, so wie das Gesicht …« (Der Popo etwa ist nicht »zu persönlich«?) anzuwenden bereit ist, ist es immer noch Gewalt. Und wer umgekehrt in der Kindeserziehung keine Gewalt anwenden möchte, der und die ist dann infantil-romantisch? Es ist schlicht und ergreifend falsch anzunehmen, dass, wer auf gewaltfreie Erziehung setzt, einer Absenz von Autorität das Wort reden würde. Diese Art von Umkehrschluss kennt man aus TV-Talkshows und von den antrainierten Verteidigungsstrategien, die führende Politiker anwenden, wenn sie im Live-Gespräch von TV-Journalisten einmal festgenagelt werden konnten: Du kritisierst mein Tun; aber dreh das doch mal um und sag mir: Was würdest du an meiner Stelle tun? – Das Argument der »authentischen Erfahrung« soll gegen Kritik immunisieren, soll den Argumentierenden als politisch handelnden Menschen hinstellen, der letztlich heldenhaft handelt. Helden sind schön, sie sagen, wo es langgeht, meist sind sie starke Männer (auch Forrest Gump ist am Ende der Erzählung ein starker Mann). Deswegen sind ja alle an ihnen interessiert.

Der ganze Habitus von Grebers Text ist von dieser Haltung getragen: Ihr könnt ja gar nicht mitreden, weil Ihr nicht das mitgemacht habt, was ich mitgemacht habe; Ihr kennt meinen Sohn nicht, der ist nämlich prächtig, weswegen er von manchen »Kristallkind« genannt wird. Und deswegen sei seine, Grebers, Art der Gewaltausübung gleichbedeutend mit Autorität zeigen und daher legitim. Strafen wird mit Autorität zeigen gleichgesetzt, der Strafvollzug sorgt für Glaubwürdigkeit. Schon der Titel von Grebers Text weist darauf hin. Kindern müssten Grenzen gesetzt werden, Gewalt sei dazu geeignet, »da ändert auch das gesetzliche Gewaltverbot nichts«. Ja, klar, bei so einem schönen Kristallkind. Es ist schon bemerkenswert – und auch einigermaßen unheimlich –, mit welcher Selbstsicherheit hier Gewalt schöngeredet wird. Wie auch im vorigen Beispiel: In diesem Text in der Sonntags-»Presse« wird Gewalt gegen den Leib – letztlich politische Gewalt – gutgeheißen, indem sie ästhetisiert wird.

Schluss

Es ist erschreckend zu lesen, welch unsägliche Texte die deutschsprachigen Printmedien sich zu veröffentlichen getrauen. Das ist ein einerseits nachdenklich stimmender Umstand, andererseits wäre ein Essay wie dieser hier nicht möglich, wären die ihm als Ausgangspunkt dienenden Äußerungen unveröffentlicht geblieben. Dass in ihnen die Ausübung von Gewalt auf je eigene Weise relativiert und schöngeredet wird, ist ja an sich noch nichts Besonderes. Was hingegen nachdenklich stimmt, ist der Umstand, dass die Autoren ihr Relativieren auf eine derart unverschämte Weise praktizieren; sie fühlen sich sicher. Und diese Sicherheit, in der sie sich wiegen, kommt nicht von ungefähr. Der konservativ-reaktionäre Mainstream, der in der westlichen Politik Europas vorherrscht, bietet sie.

Der Dichter in seiner pseudokühnen Attitüde, Mord irgendwie normal zu finden (wie gesagt, ziemlich sicher eine PR-Maßnahme), der Journalist in seiner triefenden Betroffenheit, ja eh nur »das alles schon halbwegs« richtig zu machen. Diese Unverschämtheit, sich zur Äußerung solcher Ansichten legitimiert zu fühlen, ist es, die zu denken gibt. Die beiden Autoren glauben, sie sind im Recht. Nun kann man tatsächlich über ihre Ansichten diskutieren, aber die Annahme, auf der beide fußen, nämlich dass privat ausgeübte Gewalt in Ordnung sei, weil sie ja eh in uns drinnen und daher nicht zu verhindern sei, bzw. wenn einmal ausgeübt, eh nicht so schlimm sei, weil das Opfer die Gewalt ja lustig finde – diese Annahme also kann nicht so einfach als wahr oder richtig hingenommen werden. Vor allem dann nicht, wenn es letztlich um Politik geht, also um die demokratisch geregelte Steuerung gesellschaftlicher Prozesse (und das ist jetzt nur eine rudimentäre Definition von Politik).

Wie schon gesagt: Es darf wohl niemanden verwundern, wenn Mord und Gewalt gegen Kinder hierzulande vom Gesetz mit Strafen belegt sind. Dies – so sollte man meinen – ist gesellschaftlicher, mithin auch politischer Konsens. (Beiseite gesprochen: In Österreich hat man gewisse Probleme mit den Menschenrechten, Stichwort »Asylrecht«.) Glavinic und Greber zeigen unwillkürlich, dass dem nicht so ist. Beide spielen mit dem Gedanken, dass etwas, das schön ist, doch nicht wirklich böse sein kann, wenn man sich selbst auch nur irgendwie zu dieser Schönheit zählt. – Esti ist schön. Esti ist Mörderin. Esti gefällt mir. Ich könnte auch Mörder sein. Ich könnte auch schön sein. – Mein Bub ist schön, er ist ein »Kristallkind«. Ich schlage meinen Buben (eh nur ein bisserl). Mein Bub findet das Geschlagenwerden lustig. Er ist ein Kristall, er ist nicht an mir zerbrochen. Er ist immer noch ein Kristallkind. Schlagen könnte auch schön sein. – Diese Sätze mögen unscharf oder ungerecht sein. Sie beschreiben aber durchaus genau eine Haltung zur Gewalt, die hierzulande seit dem Jahr 2000, als in Österreich eine latent gewalttätige politische Kraft salonfähig gemacht wurde, etabliert wurde. Natürlich konnte das nur funktionieren, weil sie immer schon vorhanden war, Merz/Qualtingers »Herr Karl« ist nur ein Beispiel dafür. Gutaussehende Männer (andere sagen: Buberln) kamen an die Macht und haben auf der Suche nach ihrer Leistung alles schön gemacht und geredet, ihre Konten, aber auch die Politik. Die Reaktion in diesem Land hat das geduldet, ist man doch ganz konservativ dem Guten, Wahren, Schönen verpflichtet. Das ist doch authentisch, nicht?

Nur weil Glavinic ganz authentisch seine Eislady im Gefängnis besucht hat, sind dann seine Urteile über sie richtig? Nur weil Greber sein Kristallkind ganz authentisch »sanft« gewalttätig erzieht, sind dann seine Handlungen richtig? Muss man einen Mörder oder eine Mörderin persönlich kennen, um sich authentisch eine Meinung zu bilden? Muss man Kinder in die Welt gesetzt (und sterben gesehen) haben, um authentisch über gewaltsame oder gewaltlose Kindererziehung zu sprechen? Ich meine: Nein. In beiden Fällen: Nein. Gewalt ist Gewalt, da kann man sie sich noch so schön saufen. Das Relativieren von Gewalt, das immer wieder – nicht nur in den beiden hier angeführten Beispielen – als ein Ästhetisieren daherkommt, ist etwas, das sowohl Eltern als auch potenzielle Mörder, also uns alle etwas angeht. Denn solche Relativierung wird und wurde immer auch politisch legitimiert, so im Sinne von »Der Zweck heiligt die Mittel«. Beide Autoren, Glavinic und Greber, haben solcher Relativierung Vorschub geleistet, sie betreiben die Ästhetisierung von Politik. Was man unter »Ästhetisierung von Politik« versteht, möge man bitte bei Walter Benjamin nachlesen; oder im Lexikon nachschauen.

Referenzen:

Thomas Glavinic: Wir kennen uns nur flüchtig, in: der Standard ALBUM, 22. November 2014, A1–A2

Julya Rabinowich:
http://derstandard.at/2000008765524/Julya-RabinowichIm-Keller?ref=article

Wolfgang Greber: Wer Strafe nicht vollzieht, wird unglaubwürdig, in: Die Presse am Sonntag, 30. November 2014, 37

Michael Bonvalot:
http://www.vice.com/alps/read/nein-presse-redakteur-wolfgang-greber-sie-duerfen-ihr-kind-nicht-schlagen-504

Armin Wolf:
https://www.facebook.com/arminwolf.journalist/photos/a.365198060158736.95746.360686647276544/915174585161078/?type=1&theater

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