Ich habe keine Angst

Dieser Text wurde am 30. September 2014 an der Kunstuniversität Linz beim internationalen Kolloquium »Die Zukunft gehört den Phantomen – Kunst und Politik (in) der Dekonstruktion« anlässlich des zehnten Todestages von Jacques Derrida im Panel »Wer hat Angst vor Derrida?« vorgetragen. – Beiseite gesprochen: In der, sagen wir es einmal so: lebhaften Diskussion wurde dem Text vorgehalten, eine Polemik zu sein. Abgesehen davon, dass so ein Vorhalt der Niedlichkeit nicht entbehrt, ist er aus kulturwissenschaftlichen Gründen im Allgemeinen und literaturwissenschaftlichen Gründen im Besonderen auch falsch. Der Vortragstext ist nämlich eine Parrhesie, ein Frei-von-der-Leber-weg-Sprechen. Es ist schon lustig, dass Kennerinnen und Kenner der französischen Philosophie des letzten Viertels des vergangenen Jahrhunderts Michel Foucault nicht zur Kenntnis nehmen wollen, der sich bekanntlich für die Parrhesie ausgesprochen hat. Ich gebe aber zu, dass ich mit diesem Vortrag nur frei meine Gedanken begründet und dabei nicht mein Leben riskiert habe. Letzteres gehörte laut Foucault wesensmäßig zu einer Parrhesie.

Ich habe keine Angst

Einige Bemerkungen zur vermeintlichen oder tatsächlichen Unverständlichkeit der Texte Jacques Derridas

I.

Es ist wahr: Ich habe keine Angst – vor keinem Text, schon gar nicht vor den Texten Jacques Derridas; obwohl – oder vielleicht gerade deswegen weil – sie meist unverständlich sind. Oft ist es so, dass man sich vor dem fürchtet, was man nicht versteht. Dazu gehören mitunter auch die Texte dieses berühmten Philosophen. Ich weiß schon, dass kaum jemand bereit ist, zuzugeben, dass er oder sie nicht verstanden hat, was in Derridas Büchern steht. Zu groß ist die Angst, dann als Dummkopf dazustehen. Ich verstehe das. Da ich keine Angst habe und auch kein Dummkopf bin, ist mir diesbezüglich egal, was die Leute denken, wenn ich sage, dass ich Derrida nicht verstehe. Vor allem aber deswegen ist mir das egal, weil ich genau weiß – und das oft genug erfahren habe –, dass die Derrida lesenden Menschen im Vertrauen und heimlich zugeben, dass sie keinen blassen Schimmer davon haben, was dieser Mann meint oder gemeint hat. Außer Derrida gelesen zu haben ist diesen Menschen vor allem eines gemeinsam: Sie sind keine Dummköpfe. Dazu eine Geschichte:

II.

Ich habe in Wien Philosophie studiert, und mit dem Namen Jacques Derrida verbinde ich zwei einzigartige Ereignisse, die an ein und demselben Tag stattgefunden haben. Es war 1985, und ein neugegründeter Verlag für Philosophie, der Passagen Verlag, veranstaltete eine Buchpräsentation im damaligen Kunstforum Länderbank auf der Freyung in der Innenstadt. Präsentiert wurde der Fotoband »Recht auf Einsicht« (Droit de regards) von Marie-Françoise Plissart. Dieser von der Fotografin explizit als »Fotoroman« bezeichnete Bildband enthält einen Text von Jacques Derrida. Der Autor war bei der Präsentation anwesend – das war die Sensation im intellektuellen Gesellschaftsleben Wiens! –, und das war auch das einzige Mal, dass ich mich mit ihm im selben Raum befunden hatte. Wenn ich mich recht erinnere, war die Fotografin nicht da, aber dafür ihre Fotos.

Wer noch zugegen war – und das ist das zweite der erwähnten einzigartigen Ereignisse: das Lehrpersonal des Wiener Instituts für Philosophie, und zwar vollzählig. Bei keiner Institutsversammlung vorher oder nachher waren diese Damen und Herren gemeinsam in einem Raum anwesend. Ein bedeutender Mann, dieser Derrida, dachte ich damals, was der zusammenbringt … Wie auch immer, die Präsentation war so, wie Präsentationen sind – das in neoexistenzialistisches Schwarz gehüllte Fußvolk saß oder stand hinten, die Honoratioren thronten vorne, und der Verleger Peter Engelmann und sein Star Jacques Derrida raunten gescheite Worte vom Podium herab. Bemerkenswert aber waren dann die anschließenden lockeren Small-Talk-Gespräche bei einem oder zehn Gläsern Wein. Auf die Veranstaltung, Derrida und sein Denken angesprochen, haben alle, also wirklich ALLE befragten Institutsmitglieder hinter vorgehaltener Hand zugegeben, dass sie nicht verstünden, »was der Mann will«, also der Mann Derrida. Seine Texte seien so »schwierig und unverständlich«. Als junger Student fand ich das aufschlussreich, und obwohl ich damals mit anderen Themen befasst war, begann ich, dies und das von Derrida zu lesen. Ich weiß nicht mehr, was es war; ich weiß nur, dass ich die »Grammatologie« sehr bald weggelegt habe, weil ich sie nicht verstanden habe.

Die Geschichte könnte nun weitererzählt werden, aber ich will zum Thema kommen und habe bereits das Schlüsselwort geliefert: »verständlich«. Wer etwas schreibt, will sich anderen verständlich machen, will ihnen etwas zu verstehen geben, will in einen Diskurs eintreten. »Verstehen«, das Grimm’sche Deutsche Wörterbuch stellt einen inhaltlichen Zusammenhang u.a. zum lateinischen »intellegere« her. »Intellegere« muss man hier und heute nicht übersetzen, das versteht sich von selbst quasi. »Verstehen«, »intellegere« – auf Derrida rückbezogen – da schwingt eine Art von vorausgesetzter Selbstverständlichkeit mit, so nach dem Motto: »Aber wenn man das lesen kann, dann versteht man es auch.« Mitnichten.

Die Voraussetzung für eine intellektuelle Verarbeitung von etwas Gelesenem ist eine adäquate Wahrnehmung; das bedeutet aber auch, dass das Wahrzunehmende es dem oder der Wahrnehmenden nicht allzu schwer macht. Insoferne hat der Wunsch, verstehen zu wollen, den Charakter einer anthropologischen Konstante. Auch Folgendes ist im Bedeutungsfeld des Verbs »verstehen« enthalten: Verstehen bedeutet »vernehmen, fassen, be-greifen« (auch das steht im Grimm). Fürs Schreiben – also für den Autor Derrida – heißt das: Es ist gut und philosophisch-wissenschaftlichen Absichten dienlich, die Sache, über die man schreibt, im Text so plastisch vorzuführen, dass sie gleichsam mit Händen greifbar ist. Das heißt aber, dass das Verstehen nicht allein eine Aufgabe oder Tätigkeit von Leserin oder Leser ist, sondern bereits beim Verfassen eine Aufgabe und Tätigkeit von Autor oder Autorin – ganz besonders in den Wissenschaften, vor allem aber in der Philosophie. Derrida schafft das nicht. Sorry to say that. Er ignoriert implizit die Existenz der anthropologischen Konstante des Verstehens. Ich hoffe, wir können das anschließend diskutieren, und um die Diskussion anzukurbeln, stelle ich nun eine These auf, die ich sogleich erläutern werde. Sie lautet: »Wenn ein philosophischer Text es nicht schafft, sich verständlich zu machen, dann ist dieser Text gescheitert – und nicht der Leser oder die Leserin, wie man oft behauptet.« Noch prägnanter: »Eine Philosophie, die nicht verständlich ist, ist keine.«

III.

Das scheint zunächst ein formalistischer Ansatz zu sein, kommt es doch auf den Inhalt an; wer wollte das bestreiten? Genau besehen, ist so eine inhaltistische Vermutung beziehungsweise Frage jedoch oberflächlich, denn gerade in der Philosophie gilt: Es gibt keinen ungeformten Inhalt! Eine Philosophie beziehungsweise philosophische Überlegungen sind nun einmal in sprachlicher Form vermittelt, und was, wenn ihre Form so unklar ist, dass der Inhalt nicht zu vernehmen ist? Das bedeutet, dass es eine im Grunde unauflösliche Wechselbeziehung gibt zwischen Form und Inhalt. Sobald Gedanken in sprachlicher Form vermittelt werden, geben sie zu denken: der Hörerin, dem Leser. Sie geben mir zu denken, das heißt ich mache eine Erfahrung mit ihnen.

Eine solche Erfahrung ist je meine, ein anderer Mensch macht eben eine andere Erfahrung. Indem der Gedanke sich mir zeigt – man könnte auch sagen: er widerfährt mir –, offenbart er etwas, er bringt etwas ans Licht, er klärt etwas. Etwas, das mir bislang verborgen geblieben war, zeigt sich, anders gesagt: Es entbirgt sich. Ich kann es nur wahrnehmen, wenn ich gegenüber dem Text, der diesen Gedanken übermittelt, offen bin. – Jemeinigkeit, Widerfahrnis, Entbergung, Offenheit: Das sind vier der fünf Strukturelemente von Erfahrung überhaupt, die Günther Pöltner in seiner Ästhetik herausgearbeitet hat. Um das alles entscheidende fünfte Strukturelement in seiner Bedeutung zu zeigen, ist es zunächst notwendig, das Phänomen beziehungsweise Strukturelement der »Offenheit« herauszuheben. Denn ich habe gesagt, dass es wichtig sei, dem Text gegenüber offen zu sein. Bei Pöltner heißt das: Das Erfahrene bestimmt uns, indem wir uns bestimmen lassen (vgl. Pöltner 222). Mit einem In-der-Freiheit-eingeschränkt-Sein hat das nichts zu tun, vielmehr eignen wir uns das Erfahrene an, sodass es »zu einem Element unserer Lebenspraxis wird« (Pöltner 223).

Allerdings – und das ist nun die Grundlage meiner These – kann man die von Pöltner beschriebene Situation umdrehen und mit Fug und Recht erwarten, dass in dem Maße, indem ich einem (philosophischen) Text gegenüber offen bin, auch der Text mir gegenüber offen ist. Und das sind Texte ja fast immer, denn: Indem ein Text etwas zeigt, indem ein Text mir etwas sagt, indem er mich anspricht, ist er ja auf seine Weise offen. Und dieses Vernehmen des Textes löst aus, dass ich die Notwendigkeit der Deutung erkenne. Das heißt, dass in der Erfahrung, die ich mit einem Text mache, das Verstehen bereits angelegt ist. »Erfahrung verlangt ihre Auslegung, ihre Aufschließung durch den Begriff« (Pöltner 225); »Notwendigkeit der Deutung« – das ist das angekündigte fünfte Strukturelement von Erfahrung überhaupt, und es ist die Bedingung der Möglichkeit des Kommunizierens. Machten wir alle dieselbe Erfahrung, dann wäre es nicht notwendig, das Erfahrene zu deuten, weil das Kommunizieren darüber sich von selbst erledigt hat.

Ein philosophischer Text will etwas zu verstehen geben. Wenn er das, was er zu verstehen geben möchte, so sehr in sich verschließt, dass es bei aller ihm entgegengebrachten Offenheit der Leserin oder des Lesers kaum oder nur sehr schwer möglich ist, mit seinem Inhalt eine Erfahrung zu machen, dann ist er immer noch ein Text. Allerdings gerät das, was er sagen möchte – der jeweilige philosophische Gedanke –, in eine Paradoxie: Es ist zwar da, weil der Text da ist; zugleich aber ist es nicht da, weil kaum jemand es versteht. Diese Paradoxie zeichnet die Texte Jacques Derridas aus. Allerdings muss man gerecht sein und zugeben: Es gibt durchaus Leser, die mit dieser Paradoxie gut zurecht zu kommen scheinen: die Übersetzer. Ihnen widme ich mein Schlusswort.

IV

Es ist eine nicht zu unterschätzende geistige Leistung, einen Text von Jacques Derrida zu übersetzen. In welche Sprache auch immer. Ich habe vor Übersetzerinnen und Übersetzern größte Hochachtung, natürlich auch vor den Derrida-Übersetzern – soweit ich sehe, sind es stets Männer. Und dann gibt es im eingangs erwähnten Buch »Recht auf Einsicht« 84 (!) Anmerkungen des Übersetzers Michael Wetzel samt einer dreiseitigen Leseanleitung für Derridas 32-seitigen Aufsatz. Als ich das damals las, fühlte ich mich erinnert an die Lektüre von Platon- und Aristoteles-Übersetzungen. In diesen Ausgaben waren stets Übersetzungsanmerkungen und Leseanleitungen zu finden. Ich weiß, Altgriechisch spricht heutzutage niemand mehr, es gilt als tote Sprache. Hingegen Französisch … ich gebe zu, ich habe »Die Wahrheit in der Malerei« auch auf Französisch gelesen, lesen wollen. Ich wollte mir unverständliche Passagen der deutschen Übersetzung mit dem französischen Original abgleichen, um vielleicht zu einem besseren Verständnis zu gelangen. Ich glaube nicht, dass es abwegig ist, das zu tun. Ich weiß nur, dass mir damals dieses Französisch wie Altgriechisch vorkam: Wie eine tote Sprache. Das hat mich ein Stück weit traurig gemacht, denn ich liebe die romanischen Sprachen, eben auch das Französische.

Jochen Hörisch, der in »Die Wut des Verstehens« gegen die anthropologische Konstante des Verstehens und Erklärens und letztlich gegen die Hermeneutik polemisiert, sollte es eigentlich besser wissen: Immerhin hat er Derridas »Die Stimme und das Phänomen« übersetzt, also sozusagen angewandtes Verstehen betrieben. In seine Polemik schummelt er lustigerweise immer wieder als Prämisse hinein, dass Verstehen ja eh notwendig sei. (Das ist einer der Gründe, warum die Lektüre seines Buches – ganz unironisch – so amüsant ist.) Verständlich, dass Hörisch das tut. Der Gedanke, etwas Totes in einer anderen, untoten Sprache lebendig machen zu müssen, hat etwas Beunruhigendes, etwas Unbehagliches. – Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die in der toten Sprache des Altgriechischen verfassten Philosophien bei weitem lebendiger sind als die Philosophie von Jacques Derrida.

Referenzen:

Jacques Derrida: Die Stimme und das Phänomen. Ein Essay über das Problem des Zeichens in der Philosophie Husserls. Übersetzt von Jochen Hörisch, Frankfurt am Main 1979 (= edition suhrkamp [es] 945).

Jacques Derrida: Die Wahrheit in der Malerei. Herausgeber Peter Engelmann, Übersetzer Michael Wetzel, Wien: Passagen Verlag 1992. Frz.: La Vérité en peinture, Paris: Éditions Flammarion 1978.

Jochen Hörisch: Die Wut des Verstehens. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998 (= edition suhrkamp [es] 1485).

Jochen Hörisch: Das Sein der Zeichen und die Zeichen des Seins – Marginalien zu Derridas Ontosemiologie (= Vorwort des Übersetzers zu Derrida: Die Stimme und das Phänomen).

Marie-Françoise Plissart / Jacques Derrida: Recht auf Einsicht. Herausgeber Peter Engelmann, Übersetzer Michael Wetzel, Wien: Passagen Verlag 1985 (= Edition Passagen Verlag 1). Frz.: Droit de regards (avec une lecture de Jacques Derrida), Paris: Éditions de Minuit, 1985; Neuauflage bei Brüssel: Les Impressions Nouvelles 2010.

Günther Pöltner: Philosophische Ästhetik. Stuttgart: Kohlhammer 2008.

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