Der Raucher

(nach einer Idee von Friedrich Schiller)

(Dieser Text wurde am 27. 10. 2010 beim Textstrom-Poetry-Slam im Rhiz in Wien vorgetragen.)

»Wer von euch wagt es, solche Aufgab ich geb,
Zu rauchen im ›Rhiz‹, diesem Schlund?
Gestern Nacht wars zur Strafe der Sepp,
Von den Autos vernichtet, der arme Hund. –
Wer die Tschik vom Sepp mir kann wieder bringen,
Der darf sie aufrauchen hier. – Mög’ es gelingen!«

So spricht Minister Stöger, und er zeigt nach außen:
Ein Packerl »Flirt« liegt am Asphalt, ganz pur,
Zwischen den rasenden Wagen da draußen.
Und alle fragen: Was will Stöger nur?
Er sagt: »Wer ist der Beherzte, ich frage euch wieder,
Zu rauchen in dieser Stube so bieder?«

Die Leut und die Leut und die Leut um die Leut her
Vernehmen es und schweigen still,
Sie schaun hinaus aufs Motorenmeer,
Und niemand die »Flirt« hereinbringen will.
Der Gesundheitsminister zum drittenmal fraget:
»Ist keiner da, der sich dort hinaus waget?«

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor.
Aber Philipp, der Rossefreund, sanft und keck,
Tritt aus der Menschen zagendem Chor,
Und all sein Gewand, er ziehts aus, wirft es weg,
Und alle die Männer umher und die Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie mutig fürbass er tritt bloß auf die Straß’
Und stürzt sich blass raus in den Raum,
Dort sind Autos, sie stinken, und das ist kein Spaß,
Doch Philipp, so nackt, man glaubt es kaum,
Wirft sich tollkühn hinein ins Benzingetöse,
Die Zuschauerinnen sind schon ganz nervöse.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet die dampfende Gischt,
Die aus dem Auspuff sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte Gestank noch mehr Gestank mehren.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Die Ampel, sie schaltet auf Rot.
Die Autos, sie stehen in Reihen geballt,
Dazwischen ein Hinterhalt-Spalt: der Tod,
Der Philipp nun droht, falls er die Tschiks
Dort nicht endlich rausholt wie nix.

Die Leut und die Leut und die Leut um die Leut her,
Sie sehen zu, klamm, schweigen still.
Sie schaun hinaus aufs Motorenmeer,
Das nun bebt und aufheult so schrill,
Denn die Ampel, sie schaltet auf Grün,
Und Philipp, der Rossefreund, noch mittendrin!

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet die dampfende Gischt,
Und die Autos es weiter vorwärts drängt,
Und die Menschen im Gasthaus schweigen so still,
Weil fast jeder hier drinnen – rauchen will.

Und sie hoffen, dass Philipp das Packerle »Flirt«
Das da draußen liegt, sicher an sich nimmt,
Er tut es, greift hin, springt hoch – unerhört
Ist sein Salto, er ist gut getrimmt,
Und er landet am Gehsteig, triumphierend er hält
In die Höh die Zigretten, und das allen gefällt.

Er kommt zu uns – es umringt ihn die jubelnde Schar.
Zu des Ministers Füßen er sinkt,
Das Packerl »Flirt« reicht er ihm kniend dar.
Und Stöger der lieblichen Kellnerin winkt,
Die Philipp, mit funkelndem Wein gefüllt,
Ein Glas reicht. Der Bub seine Blöße umhüllt.

Der Minister ergreift die Zigaretten gar schnell,
Und nochmal nach draußen er schleudert sie fein:
Er sagt: »Schaffst du die Tschik mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Raucher mir sein
Und rauchen dürfen immer und allüberall
Auf ewige Zeiten in diesem gesunden Lokal.«

Die Leut und die Leut und die Leut um die Leut her,
Sie sehen, was plötzlich passiert:
Vom Himmel falln Tschik, sie wern immer mehr
Wie von Zauberhand, und das motiviert
Den Philipp, er greift einen Stengel und hält ihn empor
Und ruft: »Lasset uns rauchen, Mutige vor!«

Der Glimmstengelhaufen, er wird immer größer,
Die Gäste, sie sind sehr erfreut,
Denn Philipp, der Raucher, ist ihr Erlöser,
Und bald ist der Boden mit Zigretten bestreut.
Betroffen um sich blickt der Minister Stöger,
Sein saures Gesicht, das wird immer dröger.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Der Minister laut schreiend, befreiend entwischt,
Und die Gäste es zu den Zigaretten hindrängt,
Sie tauchen ein, jauchzen und fauchen und schmauchen
Und rauchen und rauchen und rauchen und rauchen.

(10/2010)

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2 Antworten auf Der Raucher

  1. Eva Lotter sagt:

    Lieber Martin,
    ich habe voll Amüsement das Raucher-Gedicht (“frei nach Schiller” oder so ähnlich) gelesen und war sehr beeindruckt. Hat mir sehr gut gefallen. Hast du das wirklich Ende Oktober im Rhiz vorgelesen? Und wie war dort die direkte, öffentliche Reaktion: vielleicht lustvolles Rauchen und Rauchen und Rauchen….
    Liebe Grüße aus Köln
    P.S.: Original von Schiller heißt wie gleich? Helf mir mal schnell auf die Sprünge!