Sparen wir uns das Sparen

(Dieser Text wurde am 2. 10. 2010 beim 17. D.T.S.-Slam im Lokativ/Wien vorgetragen. Er ist eine aktualisierte Variante eines Texts selben Titels, der 2003 in der Literaturzeitschrift Schreibkraft erschienen ist.)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Sparens. Alle Mächte des neuen Europa haben sich zu einem heiligen Hochamt zu Ehren dieses Gespensts verbündet: die EU-Kommission, die EU-Präsidentschaft, die gehäupelten Feymänner, vertschüsselten Prölls und abgehaiderten Astrachen, der Papst und andere Hodenlose in ihrer Lodenhose, die Arbeits- und die Flüchtlingsämter – einfach alle.

Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als prasserisch verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf der Prasserei nicht zurückgeschleudert hätte?

Sie alle haben sich einer Gottheit verschrieben, einer Gottheit, die – zumal in Österreich – schon den Taferlklasslern aufgedrängt wird: dem Sparefroh. Dieser Gott, der Sparefroh, diese Personifikation des ertragslosen Verzichts, seinerseits ebenso fiktiv wie die angeblich grassierende Prasserei, dieser geile Geld-Geiz-Götze also soll den ideologischen Hintergrund für das allenthalben ausgerufene Spargebot abgeben. Aus dieser Tatsache geht zweierlei hervor:
a) Obwohl in unseren Kreisen naturgemäß nicht existent, wird das Prassen bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt.

b) Es ist hohe Zeit, dass die vermeintlichen Prasser – also wir – ihre Anschauungsweise, ihre Ziele, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des Sparens ein Manifest entgegenstellen.

Zu diesem Zweck haben sich vermeintliche Prasser der verschiedensten Nationalitäten versammelt und folgende vier Maximen entworfen – diese sind das Manifest:

1) Wir behalten es nicht für uns: Wir hören auf zu sparen. Wir hören auf, auf jene zu hören, die sagen: Spart! Sie machen sich einen Sport daraus, uns einzuhämmern, wie notwendig es sei, zu sparen. Unsportlich, wie wir sind, machen wir dabei nicht mit.

2) Wir wissen: Der Umkehrschluss auf das Prassen ist falsch. Wer es satt hat zu sparen, hungert umgekehrt nicht nach der Prasserei. Wer es satt hat zu sparen, will sich vielmehr nicht dreinreden lassen in das, was sein Eigen ist. Wer sein Eigen nach Österreich rettet, hat zumindest zwei Möglichkeiten: es in eine Stiftung einzulagern oder in Traiskirchen im Lager zu wohnen. Die ersteren stiften es gewiss sich selbst und sparen Steuern. Die zweiteren sind angeblich stiften gegangen, und Vorwürfe werden ihnen nicht erspart.

3) Wir wollen das, was uns gehört, hergeben, ausgeben, hingeben, verwenden, verschwenden, zuwenden. Wir wollen, dass uns weitere und höhere Steuern erspart werden. Anderenfalls haben wir nichts mehr her- und auszugeben. Wir wollen auch wissen, ob nicht die Apologeten des Sparens hinterrücks jener Prasserei frönen, die sie uns als Phantom allzu gerne unterschieben.

4) Wir haben uns darauf verständigt, das Wort »sparen« ab sofort nicht mehr zu verwenden, wir sparen es uns. Umso mehr prassen wir mit anderen Wörtern. Wir werfen sie Gott Sparefroh so lange an den Kopf, bis er in schlechter Verfassung ist. Die Khol- und anderen Köpfe werden sich dann zu überlegen haben, ob sie diese flexible Gottheit noch für verfassungstauglich halten oder ob sie sie dort hinbiegen können.

Wir schenken uns das »Sparen«, nein: wir schenken den Mächten des neuen Europa das Widerwort des »Sparens«. Egal ob »Sparpaket«, »Sparpotenzial«, »Spargelessen«, »Spartaner« oder »Spareribs« – wir schenken diesen Mächten dieses Wort, indem wir es als solches, aber auch in diesen, ja in allen seinen Zusammensetzungen zum Unwort des Jahres 2010 küren. – Unworte bereiten Untaten den Boden. Im Falle des Sparens sind sie bereits geschehen.

(10/2010)

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