Ich liebe kleine Sätze

(Dieser Text wurde am 29. 5. 2010 beim 17. Seewiesenfest-Poetry-Slam in Kleinreifling/OÖ vorgetragen und mit dem dritten Platz prämiert. Er ist eine weiterentwickelte Variante des Texts »Das Negligé«.)

»Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine«: Das hat ein großer Dichtermensch einmal gesagt. Es gibt Sätze, die sind groß, berühmt und viel besprochen, sie stehen da, in Stein gemeißelt, wie gestochen. So arrogant, allein und einer Unterstützung unbedürftig; so scheint es. Und jeder weiß: Das kann nicht sein, ein so ein großer Satz allein, da steht doch noch was drumherum, zum Beispiel dieses: »Und solches schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei.« Dieser kleine Satz, ein Vers, stammt aus der Bibel (1 Joh 1,4), ein Freund hat ihn gefunden und ihn mir geschickt.

»Und SOLCHES schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei.« Solches, dieses, etwas. Ein hohler Zahn, ein Fingerhut, »solches« ist noch Hauch und Spur, verhaucht, verraucht und kaum verspürt – und doch der Rede wert, ein Etwas, das noch nicht gehört. Es steht auf dem Papier hier, ein Grauwert, ein Vers, hinausgeschallt aus mir hin zu den Ohren; wo aber endlich ist die Freude, gern auch »Spaß« genannt?

»Und solches schreiben wir euch, auf dass eure FREUDE völlig sei.« Völlig soll die Freude sein – so sagt der Vers –, die Freude über solches, das dahingehaucht in den Gehirnen spukt und Spuren hinterlässt im weichen Schnee, den die Gedanken rieselnd hinterlassen. Doch sind sie nichts ohne solch Gespür, wie FREUDE eines ist; und VÖLLIG soll sie sein, die Freude, so angekündigt von dem Satz, der kundig Weiteres uns zusagt. Der kleine Satz ist ein Versprechen, groß wie der Mond am Horizont im Sommer.

Wie aber kann die Freude völlig werden mit diesem kleinen Satz, dahingehaucht und noch ohne Botschaft? Noch ohne Etwas, Solches, Dieses, ein Hinweis nur auf eine Spur? Wo führt sie hin, wer spurte sie in das Gedankenweiß? Der kleine Satz, ein Vers bloß, zeigt Großes an, so scheint es. Ich liebe ihn, nur einen Hauch von Inhalt trägt er, ein Negligé aus Sprache, lässt also schimmern durch, weist in die Richtung, weist zum Ziel, zur Freude, unscheinbar und nackt.

Die Spur ist hingehaucht, wie unscheinbar im Schnee.
Der Satz, Vers, steht fast nackt da, sagt mir nichts.
Und angesichts des Lichts, das ich von der Idee
Des Verses hoffe, kommt langsam Freude auf.

Und solches hab ich unhörbar im Ohr,
Noch immer steht der Vers da und sagt nichts –
Er spannt mich an und führt Erwartung vor,
Vielleicht ist das der Sinn des Leichtgewichts:

Die Sage und die Schreibe, die Botschaft, Message,
Den Inhalt und was weiß ich noch alles
Vorerst zu unterschlagen, ganz betrügerisch,

– Damit der große Satz, der Aphorismus,
Bei dem der Gscheite einfach mitmuss,
Inhaltlich tief und affentittengeil den Leser
Mitreißt wie ein Grauwertkatarakt, intakt und
Unabstrakt und nackt in seinen Satz-Sack packt,

– Damit also der große Satz, sprich Spruch, Sentenz und
Losung, die Intellekt-Liebkosung in der Tendenz,
Ganz GROSS zu sein und schwarz befrackt,
Dann richtig ankommt in der Wirklichkeit -
Und strahlt und scheint.

Wirklichkeit? … Strahlen? … Scheinen? … Brennen? … Leuchten? … Macht das was her? Das Scheinende, das Leuchtende? Show, Performance, Tingeltangel, Size does matter? Geht’s echt nur darum? Nur Big Size leuchtet, brennt, ist kompetent und deshalb existent? – Alle sagen: »Ja, natürlich! Schweinderl!« Doch wenn er DAS tut, so ein Text: sind es nicht grad die KLEINEN Sätze – die man sonst vernachlässigt und überliest –, sinds nicht die KLEINEN, die die großen groß machen?

»Und solches schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei«: Dieser Satz ist klein und nichts. »Das Nichts ist niemals nicht«, das hat ein andrer großer Mensch einmal gesagt. Und was sag ich? –

»Ich liebe kleine Sätze!«

(05/2010)

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