Das Negligé

(Dieser Text wurde am 25. 11. 2009 beim 1. Österreichischen Predigt-Slam an der Grazer Karl-Franzens-Universität vorgetragen. Eine aus diesem Text entwickelte Variante ist »Ich liebe kleine Sätze«.)

Eine Predigt über die Bibelstelle »Und solches schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei.« (1 Joh 1,4)

»Und solches schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei.« Dies ist ein kleiner Satz, über den zu denken es sich lohnt, damit die Freude völlig sei. Eure Freude, meine Freude. Die Freude mach ich Euch, den Freunden schreib ich diesen kleinen Satz. Euch, nur Euch. Noch scheint sie fern, die Freude. – Wartet ab.

Worum es geht, ist solches, dieses, etwas. Ein hohler Zahn, ein Fingerhut, solches ist noch Hauch und Spur, verhaucht, verraucht und kaum verspürt – und doch der Rede wert, ein Etwas, das noch nicht gehört. Ihr wollt es hören? – So wartet ab.

Ich schreibe was auf dies Papier hier, ich schrieb es drauf, einen Grauwert, schalle ihn hinaus aus mir und durch die Luft, sie ist begierig drauf, solches Euch weiter hin zu geben, sie trägt den Lufthauch aus dem Mund in Eure Ohren; wo aber endlich ist die Freude? Wann wird sie eingelöst, was wird gesagt, geschrieben? – Wartet ab …

»Und solches schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei.« Völlig soll die Freude sein, die Freude über solches, das dahingehaucht in den Gehirnen spukt und Spuren hinterlässt im weichen Schnee, den die Gedanken rieselnd hinterlassen. Doch sind sie nichts ohne solch Gespür, wie Freude eines ist; und völlig soll sie sein, die Freude, so angekündigt von dem Satz, der kundig Weiteres verspricht. Der kleine Satz ist ein Versprechen, groß wie der Mond am Horizont im Sommer.

Wie aber kann die Freude völlig werden mit diesem kleinen Satz, dahingehaucht und noch ohne Botschaft? Noch ohne Etwas, Solches, Dieses, ein Hinweis nur auf eine Spur? Wo führt sie hin, wer spurte sie in das Gedankenweiß, was darf ich dann und dort erwarten? Der kleine Satz, ein Vers bloß, zeigt Großes an, Völliges, Vollständiges. So scheint es; doch: ist das auch gerecht? Ist’s rechtens, richtig? Ist dieser kleine Satz, der nicht etwas und doch auch nicht nichts sagt, angemessen, um die Freude anzufüllen? – Das kann nicht sein. So denken wir. So fragen wir. Nur einen Hauch von Inhalt trägt er, ein Negligé aus Sprache, lässt also schimmern durch, weist in die Richtung, weist zum Ziel, wo wir zu finden hoffen Freude, unscheinbar und nackt.

Die Spur ist hingehaucht, wie unscheinbar im Schnee.
Der Satz, Vers, steht fast nackt da, sagt uns nichts.
Und angesichts des Lichts, das wir von der Idee
Des Verses hoffen, kommt langsam Freude auf. Erwartung.

Und solches schreibe ich Euch unhörbar ins Ohr
– Noch immer steht der Vers da, sagt uns nichts:
Er spannt uns an und führt Erwartung vor,
Das ist sein Sinn, der sagt sonst nichts.

Und trotzdem wolln wir wissen, hoffen auf den Sinn,
Den dieser kleine Satz, der Vers, uns ansagt.
Wer weiterlesen möcht, kriegt seinen Sinn hin,
Den diese Predigt bislang freudig unterschlägt. Denn:

Das, worums geht, steht in der Bibel ja erst NACH dem Vers, also warum soll ich mich um den groß kümmern? Er ist doch nicht so wichtig, oder? Ich meine, man kann ja nicht auslegen, was da drin steht, und predigen schon gar nicht, also, ich will ja wissen, wo’s langgeht, praktisch angepredigt werden, da hilft mir die Poesie nicht weiter und schöne Worte, aufgeprintet, auch nicht – so ein Hauch von Nichts sind sie, ein Grauwert-Negligé. Und warum soll ich mich mit Unscheinbarem beschäftigen, wo doch das Scheinbare in Wirklichkeit …

Wirklichkeit? … Scheinbar? … Anscheinend? … Scheinen? … Brennen? … Leuchten? … Macht das was her? Das Scheinende, Leuchtende? Geht’s echt nur darum? Soll er leuchten, der Text, der Brief, die Botschaft? Und wenn er’s tut, der Text: sind es nicht grade die kleinen Sätze – die man sonst vernachlässigt –, die die großen groß machen?

»Und solches schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei«: Dieser Vers ist klein und macht die Botschaft, die uns noch unbekannt ist, groß. Das Nichts ist niemals nicht, das hat ein schlauer Mensch einmal gesagt. – – –

Und was ist die Moral von der Geschicht?
Verachtet mir das scheinbar Unscheinbare nicht!

(11/2009)

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